7. November 2010

Mumbai, Diwali und Geburtstage

Liebe Freunde, Familie und Leser – tut mir echt Leid, dass ich erst so spät schreibe!
Neben einem Wäscheberg, diversen Krankheitsschüben und Stromausfällen, sowie indischen Festen hat mich auch die Tatsache aufgehalten, dass ich mich durch an die 2000 gemachten Fotos wälzen musste, um die besten zu finden und zu bearbeiten. Ich hatte zwischendurch auch noch Geburtstag – am 3.11. -, und dann ist Kontakt halten ja irgendwie auch zeitaufwendig ;)

Danke erstmal für die vielen Geburtstagswünsche- und karten, mit denen ich nun meine kahlen pastellblauen Betonwände verzieren kann :)
Ich dachte, ein Geburtstag so ganz ohne all meine Freunde und ohne Familie wäre eine traurige Angelegenheit, aber es kam dann doch ganz anders und ich hatte einen schönen, spannenden und irgendwie auch ganz anderen 20sten Geburtstag mit meiner neuen indischen “Familie” :)

Aber ich fange besser von vorne an: Vom 21.Oktober bis zum 27. waren wir in Mumbai, in dem indischen Nachbarstaat Maharashtra – wir, das sind Philipp, Chandu, Paresh und ich.
Chandu und Paresh, deren Firma “Coherendz” ihr Büro in unserem Haus unten hat, waren geschäftlich dort – sozusagen. Es gab eine Veranstaltung in Pareshs ehemaligem College – NITIE (National Institute for Technichal Engineering) – bei dem alle möglichen berühmten Personen aus dem Bereich Business und Entrepreneurship kamen, um ihre Geschichten zu erzählen, mit jungen Unternehmern zu diskutieren, und auch einige Sponsoren, die sich die Ideen der jungen Leute angehört haben, natürlich mit dem Gedanken, ein neues Projekt zu finden – deshalb waren auch die beiden da.
Die Vorlesungen, meist in Englisch, waren auch sehr interessant für Philipp und mich, natürlich haben wir auch Mumbai-Sightseeing betrieben, ein paar deutsche Freunde getroffen und gefeiert :)
War mal ganz interessant, eine neue Seite von Indien zu sehen, das wir ja bis jetzt nur von Hyderabad kannten.
Mumbai – oder Bombay – ist ganz anders. Eine der dicht besiedelsten Städte der Welt, mit dem größten Slum Asiens, das mitten im Stadtkern liegt, eine Stadt, in der Armut, Elend und unfassbare Dekadenz sowie Reichtum direkt aufeinander treffen. Eine Stadt, die das teuerste Gebäude der Welt (1 Billionen US Dollar) beherbergt, mit den teuersten Autos prahlt und dessen reicher Stadtteil die Bettler von den Straßen aufsammeln und wieder zurück ins Armenviertel schleppen lässt.

indisch? britisch? beides? Und warum sind da Bayrische Löwen ;) ;)

Und dann auch noch Engel

Abends am Strand

Das Slum vom Walk-over fotografiert

Gleichzeitig ist es auch eine Stadt, die unheimlich viel Geschichte birgt, merkwürdig alt-europäische Denkmäler und Gebäude zeigt, Brunnen, die aussehen wie aus dem alten Italien und direkt daneben Zwiebeltürme aus Marmor, die mit britischem Backstein kombiniert werden.
Widersprüchlich, anstregend und faszinierend auf seine Art und Weise.

Diese Bilder sind auf dem Hausdach des Colleges entstanden, wo wir morgens um 5 angekommen sind und die Sonne aufgehen beobachten konnten: 






Wir haben natürlich erstmal die klassischen Touristenziele abgeklappert: Das berühmte Gateway of India, wo mehrere Leute uns mal wieder um Fotos mit ihnen gebeten haben (einer hat uns sogar “heimlich” gefilmt, da wundert man sich doch, wo es dort so viele Touristen gibt!), sowie die zum UNESCO Welterbe gehörende “Elephanta Island”, eine wild bewachsene Insel, die einen der ältesten in Felsstein gehauenen Hindu-Tempel (meinem Liebling Shiva geweiht) zeigt.



Die ganze Truppe vor dem Gateway of India: (v.l.) Paresh, Philipp, Marian, ich, Lara und Chandu


Das berühmte Taj Mahal Hotel von der Fähre aus fotografiert

Mit einer Deutschen zu reden war doch auch mal wieder nett :)

Die kleinen frechen Biester waren überal auf der Insel!
Nicht zu vergessen: Ziegen!

Im Tempelgewölbe

Lord Shiva

Paresh, Marian und ich

Dann waren wir natürlich noch im berühmten “Prince of Wales Museum” (das im Zuge der indischen Rückbesinnung auf eigene Kultur in den Zungenbrecher „Chhatrapati Shivaji Maharaj Museum“ umbenannt wurde). Dort wird die bedeutendste indisch-sarrazenische, arabische und persische Kunst gezeigt, von einer Rüstungs- und Waffensammlung, bis zu einer großen Sammlung sämtlichen Götteridole, Diwane, Schmuck, Alltagsobjekte von vor Jahrhunderten in den prächtigsten Ausführungen, altindische Malerei und vieles mehr. Sehr sehenswert!

Das Museum von außen - ein wunderschönes Gebäude aus der Kolonialzeit

Auch immer mit dabei: Siddharta :)

Wir durften alle Maharaja spielen ;)

Dann sind wir noch gemütlich in der Nachmittagssonne zur berühmten Haji-Ali Moschee gelaufen, die am Ende einer Seezunge im Arabischen Meer liegt. Meerluft! Wie schön, ein richtiges Urlaubsfeeling. Der Strand war zwar aus Steinen und nicht der sauberste, aber wenn man ein bisschen weiter raus gelaufen ist, hatte man wenigstens etwas Ruhe und Meerluft, sodass man die Betonwüste hinter sich etwas vergessen konnte (auch wenn Leute von überall angerannt kamen, nur um uns “heimlich” zu fotografieren, bei allem, was wir so getan haben... nervig!). Wir haben dann einfach zurückfotografiert! ;)

Auf dem Weg zur Moschee

*Das* klassische Touri-Foto ;)

Meine Beute aus dem Arabischen Meer

Rückweg

Das war ein schöner Ausflug...

Danach hatten wir einen köstlichen Fruchtsaft, der uns im Reiseführer empfohlen wurde und haben uns wieder auf dem Rückweg gemacht. Ist doch anstregend, den ganzen Tag draußen, in dieser Sonne und vorallem in dem unfassbaren Smog (Halsschmerzen sind vorprogrammiert, wenn man einen Tag draußen rumläuft).

Der indische Sleeper Train ist übrigens auch eine Erfahrung für sich! Ist wie ein Hühnerkäfig, offene vergitterte Fenster, die auch als Mülleimer dienen, ebenso das Loch im Zugboden, dass man höflich “wash room” nennt, “super fast train” ist vergleichbar mit dem heimischen RE und deshlab hat es auch 14 Stunden nach Mumbai gebraucht. Alle fünf Minuten kommt ein schreiender Verkäufer mit Bauchladen an einem vorbei gelaufen, gerne auch mal nachts, wo dann manche Leute auch einfach versuchen, sich noch neben einem auf die Liege zu quetschen ;)

Meine Lieblingsbeschäftigung im Zug - wenn es nicht zu sehr ruckelt ;)

Aus den Gittern heraus fotografiert

Indisches "Bord Bistro" ;)

Und so "schläft" man dann abends - gestapelt ohne Ende!

Am Ende unseres Ausflugs sind Philipp sowie ich leider böse krank geworden, also war die Rückreise in diesem rollenden Käfig leider nicht mehr so witzig, wie die Hinreise, auf der wir auch schön die indische Natur im Vorbeirollen beobachten konnten.
Wenn ich in mein Notizbuch sehe, finde ich darüber folgende Aufzeichnungen :

“Wolkenberge auf hellblauem Himmel über roten Erdhängen und gelben Flüssen. Dieses Land leuchtet im Licht wie die Kleider der indischen Frauen!”

Die Farben hier sind wirklich ganz andere. Rot, Grün, Blau und schwarze Menschen dazwischen, die Vögel weiß und seidig, als wären sie aus Nebel, dass Wasser undurchsichtig, sandig.
Die Pflanzen, so merkwürdig anders, ruhige, schnaufende Büffel dazwischen, mit langen, gewaltig gebogenen Hörnen, schwarz, langhaarig, mit flachen Köpfen, gar nicht zu vergleichen mit unseren Kühen. Dazu sieht man auch allerlei Straßenhunde, die über die Gleise rennen und den Müll holen, Schweine, in ganzen Familien, einige magere Katzen, Hühner und Ziegen und alles findet seinen Platz irgendwie. Leute laufen achtlos auf den Gleisen rum, spucken in die Gegend, schleppen drei Koffer und fünf Kinder gleichzeitig und das in einem bodenlangen Seidengwand – Indien, du bist manchmal ganz schön lächerlich, denke ich mir. Aber irgendwie genau deswegen auch so liebenswert.

Als wir wiedergekommen sind, hatten wir ein interessantes meeting mit einigen Leuten unserer Organisation, die ein sehr gutes und umfangreiches Projekt zur grundlegenden Gesundheitsversorgung der Einwohner Rasoolpuras planen. Zur Zeit arbeiten wir deshalb an einer Studie, die auf einer Umfrage basiert, wobei wir von Haus zu Haus ziehen, Daten und Kontaktnummern sammeln, herausfinden, was die Leute eigentlich gebrauchen, was ihre Ausgaben sind, etc. Auf diesen Daten basierend, wollen wir dann ein Programm entwerfen, wobei wir mit Krankenhäusern und freiwillig arbeitenden Ärzten zusammenarbeiten, um dauerhaft Medikamente, Aufklärung, grundlegende Versorgung und Versorgung für Menschen mit speziellen Bedürfnissen anbzubieten können. Ich denke, dieses Projekt ist sehr ambitioniert aber auch sehr notwendig.
Ich werde beizeiten ausführlicher darüber schreiben!
Des Weiteren ist ein Sportprojekt geplant, um der sehr jungen Bevölkerung des Slums etwas Abwechslung in ihrem anstrengenden Alltag anzubieten, aber auch, damit sie lernen, wie man fair interagiert, was ein Wettbewerb bedeutet und natürlich, um Spaß zu haben :)
Der nächste Schritt soll dann sein, regelmäßig Spiele zwischen den High Schools und neu etablierten Sportgruppen zu veranstalten. Auch das ist gerade in Planung und Philipp und ich sind daran beteiligt.
Außerdem wurden wir mehr oder wenger beauftragt, dass neue T-Shirt Design für Bhumi zu entwerfen. Gar nicht so einfach, kreativ zu sein auf Abruf! Das schwierigste ist, einen neuen Slogan zu entwickeln. Aber auch daran sitzen wir also gerade.
Nebenbei passieren natürlich auch noch viele andere Dinge, dass Children's Parliament läuft natürlich immer noch, und am 14. November, dem Tag der Kinder, ist ein Fest geplant, da das CP ein Jahr alt wird. Dazu kommt ein Medical Camp, wo kostenlos generelle medizinische Check-ups für alle Slumbewohner angeboten werden, zudem ist ein Bhumi Malwettbewerb in einer shopping mall geplant, um Leute auf Bhumis Arbeit aufmerksam zu machen.
Dazu hat uns Lindsay gebeten, auf einer weiteren Charity Veranstaltung teilzunehmen, die auch wegen des Tages des Kinder gehalten wird, wo ein indischer Künstler zusammen mit Kindern eine Tempelwand bemalt und wir sollen zur Betreuung eingesetzt werden.
Ihr seht, Arbeit gibt es irgenwie immer!

Dann hatte ich natürlich auch noch Geburtstag am 3.11 – 20 werden in Indien ist schon eine coole Sache :D
Ich wurde am Umbruch des 2. plötzlich mit einer massiven Schokoladentorte überrascht, es gab 20 Raketen auf dem Hausdach für mich und allerlei nette Geschenke – unter anderem Schmuck, einen Thermosbecher von meinem indischen Lieblingscaffee mit meiner Lieblingsschokolade gefüllt, sowie ein Puja-Set und einen sehr hübschen Shiva, für den ich mir jetzt noch einen kleinen Schrein kaufen muss, damit ich morgens ganz offiziell meine Götter herbeiklingeln kann ;)
Am selben Tag wurde ich im bereits genannten Caffee von einer weiteren Schokoladentorte überrascht, sowie von Geburtstagsgrüßen des ganzen Personals. Davor waren wir den ganzen Tag im Zoo Hyderabads, der sehr schön und sehr groß ist, danach waren wir noch im berühmten und – asbolut wunderschönen! - Birla Mandir Tempel, der aus weißem Mamor geschlagen ist und einfach nur Ruhe ausstrahlt, und danach haben wir natürlich noch gut gegessen :)

Überaschung :)

Lindsay und ich schlender durch den Zoo

Dieser Schönheit durften wir beim Planschen zugucken

Und den dreien beim Sonnen ;)

Danach waren wir noch im Reptilienhaus

Dann habe ich natürlich auch noch fleißig geskypt und geschrieben und Briefe gelesen, die sogar pünktlich angekommen sind. Vielen Dank nochmal für all die lieben Grüße, ohne sie wäre mein Tag nur halb so schön gewesen.

Kaum zwei Tage später war dann auch schon Diwali, das große Fest der Lichter hier in ganz Indien. Ist fast wie zwei Tage Silvester! Wir haben eine Puja abends in unserem Haus gehalten, nach dem wir mit Blut und Tränen einen Tag lang unser ganzes, verdrecktes riesiges Steinhaus geputzt haben!! Als dann alles schön sauber war, Türmatten angeschafft wurden und Schuhe sowie diverse Tiere drinnen verboten wurden, haben wir dann einen Richtung Osten guckenden Lakshmi-Schrein etabliert und jetzt wird alle drei Festtage fleißig um den Segen der schönen, Geld werfenden Göttin gebeten ;)
Chandus und Pareshs Eltern sowie einige weitere Verwandten haben uns dabei begleitet und mit uns zusammen die Puja, Essen und das Feuerwerk genossen. Unsere eigene kleine Diwali-Party :)

Pareshs Mutter bereitet den Lakshmi-Schrein vor (sie malt mit buntem Sand)

So sieht er also vollendet aus - unser neuer Hausschrein, gen Osten blickend. Der Göttin werden Süßigkeiten (die Box links) angeboten, sowie Räucherstäbchen und Blumen, Reispuffer, ein Scheck (Göttin des Glücks, auch finanziell), links der Teller mit dem Pulver für den Bindi (das dritte Auge, der Punkt auf der Stirn), geziert von den Dias (Lichtern aus Tonschälchen, Öl und Baumwollfäden), die auch Türrahmen, Treppenaufgang und Tor zieren - die Haustür muss offen bleiben, damit die Göttin auch reinkommen kann ;)

Chandus Mutter und ich haben die Lichter verteilt

Und jetzt, da wir alles schön sauber halten, ist unser Haus sogar richtig nett! (Obwohl man sich an indische Putzweisen wirklich noch gewöhnen muss – Kerblech sind die Hände und der Besen ist aus Reisig...)

So, das ist jetzt mal viel Erlebtes kurz gefasst, das nächste Mal versuche ich wieder, früher zu schreiben. 
Ich denke auch, die Bilder sprechen für sich :)
Ach ja: Viele Bilder, die ich hier zeige (meist die, auf denen ich drauf bin, logischerweise!), habe nicht ich gemacht. Entweder sind sie von Philipp, oder von jemand anderem, der seine Kamera benutzt hat, manche sind von mir mit meiner oder auch seiner Kamera, es ist also ganz kunterbunt gemischt und ich schreibe nicht jedes Mal dazu, welche Bilder jetzt von wem sind, das wäre zu umständlich!

Und jetzt grüße ich alle ganz lieb aus dem schon irgendwie kühler werdenden Hyderabad,
alles Liebe
euere Tanni

3 Kommentare:

  1. Liebe Tanni,
    Ein Tiger beim Baden, Ziegen ( Lotta war begeistert!) und freche Äffchen, Hausschreine, Hühnerkäfigzüge, Strand, Slum und Kolonialpracht ... und mittendrin Tanni in kleidamen, indischen Gewändern: Welch hübscher Anblick !
    Erfreulich auch die Schar von netten Freunden und Freundinnen um dich herum. Du siehst glücklich aus und das ist wesentlich :-)
    Alles Liebe und Kussis von
    Mama & Papa

    AntwortenLöschen
  2. Tanni,
    das klingt ja alles einfach wundervoll.
    Was du so alles erlebst... =).
    Die Fotos sind auch gaaaaaanz ganz toll! Und die indischen Gewänder stehen dir einfach ausgezeichnet^^
    Ich bin -mal wieder- neidisch!

    ♥ ♥ ♥

    AntwortenLöschen
  3. Hey Sis',
    Tolle Fotos - macht immer wieder Spaß deinen Blog zu lesen...
    Vermittelt einen tollen Eindruck - würde auch gerne mal schnell vorbei kommen und mir deine tiger, schildkröten ziegen und tempel angucken ;)
    und die klamotten sind bezaubernd!
    wir vermissen dich - freuen uns nab er, dass es dir offensichtlich prächtig geht!
    kussi

    AntwortenLöschen