Mein Alltag

Ich schreibe zwar des Öfteren was so hier und da in meinem Leben in Indien passiert, weniger aber von meinem Alltag, meiner neuen Heimat, meiner direkten Umgebung.
Jetzt, wo ich auch mehr innerhalb Indiens gereist bin, fällt mir Hyderabad erstmal wieder ins Auge.
Neulich, als ich mal wieder "nachhause" gekommen bin, ist mir erstmal aufgekommen, wie normal und vertraut mir die Straßen unseres Wohnviertels schon vorkommen und wie ich gelassen über die gewaltigen Verkehrskreuzungen laufe, Lieblingsläden habe, die Nachbarn grüße und ... mich tatsächlich irgendwie wohlfühle.



Anfangs mochte ich diese Stadt nicht sonderlich. Sie war zu groß, zu dreckig, zu unübersichtlich, verwirrend, bedrohlich manchmal und mysteriös.
Es hat vier Monate gedauert für mich, um in dieser Millionen-Menschen-Metropole anzukommen - vier Monate in denen ich unsicher war, mich verlaufen habe und lieber nicht so viel draußen war, bis ich mich mit vielem arrangiert habe und vieles gelernt habe.
Und als ich dann neulich so abends mit ein paar Freunden in der Innenstadt auf dem Uhrturm saß und vage durch die Wand aus Smog die untergehende Sonne an der Charminar gesehen habe... da hab ich mich doch ziemlich wohl gefühlt. Trotz des endlosen Hupens unter uns auf den Straßen, trotz des Mülls überall, trotz der Luftverschmutzung, trotz des indischen Busfahr"systems" ;-)
Man muss einfach so viel gelassener werden. Es hat eine Weile gedauert, bis ich gewisse Ansprüche einfach aufgeben konnte und einsehen musste, dass mein Unwohlsein mit ihnen sie nicht verändern wird. Was ich aber verändern kann, ist meine Einstellung zu ihnen und diese Einsicht hat wirklich alles einfacher gemacht.
Ich glaube, ich war selten in meinem Leben so optimistisch, wie in meinem indischen Alltag. Ist das nicht komisch, dass man im Chaos gelassener wird, als in der Ordnung?




Ich sage nicht, dass alles hier perfekt ist, ich will nichts schönreden. Vieles läuft falsch, etliche Sachen regen mich auch immer noch auf. Aber für mich überwiegen die guten Dinge am Ende eben doch - die netten Begegnungen über den unangenehmen, die schönen Ausflüge über den anstrengenden, die erfolgreichen Absprachen über den frustrierenden.
Hyderabad hat sich mir doch am Ende als eine angenehme Stadt gezeigt, trotz meiner anfänglichen Abneigungen. Weder sind mir religiöse Konflikte oder Intoleranz ins Gesicht gesprungen, noch irgendwelche terroristischen Anschläge, nicht einmal ein nennenswerter Aufstand. Die meisten Bewohner haben sich freundlich Mühe gegeben, um uns weiterzuhelfen, waren neugierig, offen, ja, öfters auch das, was wir als dreist oder indiskret bezeichnen würden, aber niemals direkt bösartig.

Männer in der Altstadt am Carromme-spielen

Urdu/Arabisch Kalligraphie in Stein

Jungs aus Rasool Pura


Die Straßen Hyderabads sind ziemlich vermüllt, es gibt hier irgendwie nicht so wirklich ein System, außer improvisierte Müllhalden am Wegrand, wo sich Hunde und Kühe an den Resten bedienen.
Die laufen auch sonst überall frei herum, die Kühe latschen bequem aber aufmerksam über die Straßen, passen sich ganz selbstverständlich dem flow des Verkehrs an und sehen dabei immer ziemlich cool aus. Ich steh einfach auf Kühe!
Dazwischen, irgendwo am Straßenrand (Bürgersteige gibt es in der Regel nicht), findet man oft kleine mobile Obststände auf Rädern, je nach Saison vollgestapelt mit Bananen, Papaya, Äpfeln, Orangen, Mosambi, Chikku, Sapota, Ananas, Trauben oder Melonen aller Art. Dabei findet man oft noch Blumenstände oder kleine Plastiklädchen.

Tauben vorm Gemüsestand, Altstadt

Kleiner Blumenladen am Straßenrand, Altstadt


Hyderabad hat defintiv Viertel, in denen eher Muslime wohnen, wie die Altstadt um die Charminar herum, und Viertel, in denen eher Hindus wohnen, wie Secunderabad, auf der anderen Seite des Flusses.
Deshalb ist die Architektur auch bunt gewürfelt, von alten Moscheen, bis zu alten Tempeln und historischen Holz- und Steinhäuser zu modernen Betonblöcken, die mit riesigen OMs bemalt sind.
Leider hat sich die Regierung nicht wirklich um die Erhaltung historischer Gebäude gekümmert, die in der Verschmutzung natürlich in wenigen Jahren zerfallen und größtenteils auch schon kaputt sind. Eine echte Schande! Leider wird dieses Potential nicht genutzt, was Hyderabad dann auch für Touristen völlig - im Vergelich auf jeden Fall - unattraktiv macht. Das führt dazu, dass weiße Menschen, obwohl diese Stadt so groß ist, hier ziemlich selten sind und umso neugieriger beobachtet werden.

Das Wahrzeichen Hyderabads- die Charminar (char= 4, minar= Turm), eine ehemalige Moschee

Stadtkern
Hindu-Göttin Kali in Rasool Pura an einer Tempelwand


Der Verkehr ist ... witzig :-)
Und funktioniert ungefähr so: Das Hupen ersetzt dabei Seiten- und Rückspiegel (die meisten Fahrzeuge haben auch gar keine, damit meine ich auch Autos!), sowie Blinker, der Schnellste gewinnt in der Regel und Busse sind die Könige, vor denen macht jeder Platz. Wer voran kommen will, muss sich erstmal beweisen und vor seinen Konkurenten eiserne Willensstärke beweisen, das gilt besonders bei Fußgängern- die Regel lautet: einfach mal drauf los laufen und zur Not wild gestikulieren.
Ich liebe es! Am Anfang war das alles noch sehr komisch und gefährlich, jetzt ist es zwar immer noch nicht ohne, aber wenn man die Spielregeln kennt, voll in Ordnung.
Es zeigt einfach mal wieder, wie etwas, was einem erst als völlig chaotisch und sinnlos vorkommt, am Ende doch sein ganz eigenes System hat und irgendwie funktioniert es ja auch recht reibungslos. Der Verkehr ist dadurch recht langsam und achtsamer, als wenn man in Deutschland irgendwo über die Kreuzung läuft.

Ganz normales Chaos

Die haben hier leider meist kein langes Leben

Die Busse haben wohl angeblich auch ein System, das konnte ich aber auch noch nicht so ganz entschlüsseln. Irgendwann weiß man ein paar Nummern von den üblichen Strecken und kennt die Richtungen, dann rennt man einfach auf den Bus zu, ruft dem Fahrer entgegen, wo man hinwill und wenn der nickt, springt man rein.
Da drinnen geht dann ein Ticketverkäufer herum, selbst längere Strecken kosten oft weniger als 10 oder 20 cent. Man muss allerdings sportlich sein - der Bus hält nur ziemlich selten und es gibt keine Haltestellen in dem Sinne, man springt irgendwo ein und dann, wenn man glaubt, man sei da, springt man irgendwo auch wieder raus.

Tja, das ist also jetzt mein neues Zuhause für fast noch 8 Monate.
Ich muss sagen, mein Herz gehört immer noch dem schönen mittelalterlichen Marburg, wo man in der Oberstadt das Schloss sehen kann und sonntags Bach-Musik aus den Kirchen klingt. Wo alles schön grün ist, es einen Bio-Markt gibt und wo man am Lahnufer in Ruhe entspannen kann. So bin ich eben groß geworden.
Aber - und das ist glaube ich der entscheidende Punkt - Zwiebeltürme vor dem Sonnenuntergang sind ein ganz normaler Anblick, rhythmische Trommelmusik ist Alltag, der Klang von Urdu und Hindi erscheint mir so vertraut, Rickshaws sind was ganz normales, Feilschen kann auch Spaß machen und Kühe sind sowieso das Beste.
Ich würde sagen, ich habe hier nicht mein Herz gelassen, aber dafür ist Hyderabad trotzdem ein kleiner Teil von mir geworden.