Rassismus und Co.


Ich möchte das noch einmal betonen, da unsere Entsendeorganisation diesen Punkt für sehr wichtig hält und ich mich dem anschließen möchte:
Ich bin neu in diesem Land und ich bin in keinster Weise ausgebildet für diesen Dienst. Ich habe meine eigene Meinung und Einstellung zu verschiedenen Dingen, die meine Beurteilung beeinflussen und meine Bewertungen ausmachen.
Es ist ein üblicher Prozess der kulturellen Anpassung, dass man manchen fremden und vielleicht auch irritierenden Dingen irgendwann mit Ablehnung begegnet und sich über Sachen ärgert. Dann fängt man schnell an, Sachen zu verallgemeinern, plötzlich sind “die Inder aller so und so” und “dieses Land ist so” und man selber als Multiplikator fängt an, ein Bild zu zeichnen, das nicht ganz der Wahrheit entspricht.  
Das kann dann schnell und unbewusst in Rassismus enden- und darum geht auch die Broschüre, die uns zugesendet wurde.

Ihr könnt sie hier finden – Punkt 2, Checkliste Rassismen: http://www.ber-ev.de/?InfopoolPublikationen/Publikationen&Archiv

Zum Teil kann ich dem zustimmen, zum Teil finde ich es aber auch übertrieben.
Ich ästhetisiere doch nicht, wenn ich einfach aus meinem Fenster heraus fotografiere und die Sonne eben nunmal über den Häusern untergeht. Das ist meine Realität, das, was ich sehe, warum sollte ich das nicht zeigen, bzw. was ist daran “Ästhetisierung von Armut”?
Ich dokumentiere nur mein Leben und das, was ich sehe und erlebe. Und wenn ich die Schulkinder von oben fotografiere, dann nur, weil sie eben kleiner sind als ich und nicht, um irgendeine Überlegenheit meinerseits zu dokumentieren. Ja – das könnte so aufgefasst werden, aber ich finde, das grenzt schon an Unterstellung. Man kann allesmögliche so auffassen, dass es am Ende Diskriminierung ist.

Deswegen betone ich das hiermit nochmal: ich habe nicht die Absicht, mich selber als Expertin für indische Kultur darzustellen, ich weiß nicht alles, auch ich reagiere manchmal ungehalten über die vielen intensiven Erfahrungen und ich habe niemals die Absicht, Armut zu romantisieren oder mich und die westliche Kultur, aus der ich komme, als überlegen darzustellen.
Ich weiß, dass es manchmal so klingt, wenn man von “den Indern” schreibt, dabei aber nur die Menschen meint, die einem in der Mehrheit begegnet sind – was weit weg ist, von “den Indern”.
Manchmal ist es aber auch einfach anstregend, immer auf alles Rücksicht zu nehmen – ich gebe mir jedenfalls Mühe, meine persönlichen Erfahrungen und Bewertungen nicht als allgemeingültig darzustellen.
Deswegen will ich alle Leser bitten, meine Berichte nicht als allgemeinen Indienführer zu verstehen – das ist mein Leben, gespickt von meinen Erfahrungen und Problemen und den Schlüssen, die ich für mich daraus ziehe. Und für diejenigen, die nicht da sind und es selber erfahren haben, mag es auch ganz anders klingen, als für mich, die es erlebt hat.   

Ich finde es gut, dass unsere Organisation diesen Punkt noch einmal betont, denn ich merke an mir selber, dass man schnell zu solchen Urteilen neigt, wenn man manchen Dinge einer fremden Kultur begegnet, die einen persönlich sehr irritieren oder bedrücken. Die Reaktion darauf ist oft eine Flucht in Klischees, Schubladendenken, Agressionen und Abgrenzung.
Und wir gehen ja nicht ins Ausland, um als Rassisten wieder zurück zu kommen ;-)
Deswegen finde ich diesen Aufruf gut und gleichzeitig sehe ich die Broschüre selber auch kritisch und rufe jeden dazu auf, sich selber ein Bild davon zu machen.