14. Oktober 2010

Einen Monat mit Reis und Rickshaw

Jetzt ist schon wieder so viel passiert und ich komme mit dem Schreiben mal wieder kaum hinterher.
Wo fange ich dann an?
Am besten von ganz vorne :) 
Am 5. Oktober ist Freya, unsere ehemalige Mitbewohnerin, zurück nach England geflogen und ihr indischer Freund, Harish, ist ebenfalls ausgezogen. 

Freya

Lindsay und Harish

Damit ist ein Zimmer frei geworden, in das ich eingezogen bin. Jetzt habe ich ein eigenes Zimmer, mit viiiiiel Stauraum und einem eigenem Bad, juhu :)
Allerdings hat es mich zwei Tage harte Arbeit und Überwindung gekostet, dieses verdreckte Etwas zu einem Zimmer zu machen! Danach dachte ich, für immer nach Putzmittel zu riechen, aber ich hatte Erfolg.
Freya hat sich zum Abschied übrigens mit Henna bemalen lassen, die Chance hab ich natürlich gleich genutzt, um Sandhya zu bitten, mir auch etwas auf die Hand zu malen, wenigstens was Kleines ;)
Übrigens nennt man das hier nicht Henna, sondern Mehendi.


Am Handgelenk natürlich die obligatorischen "Bangels" ;)
Später war dann doch die ganze Hand dran - im Hintergrund mein gigantisches indisches Nachthemd ;) Das ist übrigens meine linke Hand, die Innenseite
Desweiteren sind nicht nur Freya und Harish verschwunden, sondern auch unser Gasvorrat, mit dem wir gerade begonnen hatten, selber zu kochen. Zum Glück haben wir bald eine kleine Ersatzflasche gefunden, es gibt nämlich gerade eine Lieferknappheit und sämtliche Bestechungsversuche haben uns auch nicht weitergeholfen.

Ansonsten lerne ich fleißig indisches Kochen, habe neulich meine ersten eigenen Chapati (Brotfladen) gemacht – mit Philipps Hilfe im Teig ausrollen und Chandus Beistand im Rösten – außerdem hab ich erklärt bekommen, wie man beim Currykochen vorgeht ( Curry ist nicht eine Gewürzmischung, wie wir es in Deutschland nennen, Curry nennt man die Beilage zum Reis oder Brot, manchmal ist es eher flüssig, manchmal eher dick, je nachdem was für Gemüse man benutzt und wie sehr man es einkocht), hier brät man nämlich zuerst die Gewürze an, aber auch nicht alle... ist ganz schön trickreich. Und natürlich sind die meisten Zutaten hier ziemlich anders, ich weiß nicht mal die deutschen Begriffe von ihnen ;) Was immer gleich bleibt sind Kartoffeln, Tomaten und grüne Paprika, was man recht oft findet. Und Zwiebeln und Knoblauch natürlich- Zwiebeln werden hier oft vor dem Essen mit Salz und Limettensaft beträufelt und roh gegessen – love it!
Karotten gibt’s hier auch, die isst man aber oft süß und angebraten als Dessert, auch echt lecker. Ich liebe eigentlich alles Essen hier, habe noch nichts gefunden, was ich überhaupt nicht mag. Alles vegetarisch und super aromatisch – perfekt :)

Arbeitsmäßig haben wir immer wieder eher kleine Projekte am Laufen und sind ansonsten gerade dabei, einen neuen Plan für das Children's Parliament zu entwickeln, um es dem eigentlichen Level der Kinder anzupassen. Das Ziel des Jahresplan ist es, die Kinder so weit zu bringen, dass im Stande sind, Probleme selber anzugehen und zu bearbeiten, nach dem Vorbild des Children's Parliament, das in Chennai gestartet hat.




Diese Kindergruppe hat Probleme ihrer Gemeinde erkannt (z.B. keine Straßenlichter) und mit Fotos, Berichten, Beschwerden, Bildern und sanftem Nachdruck es erreicht, dass die Regierung tatsächlich aktiv geworden ist und da die Kinder ein gutes Recht auf Straßenlichter in ihrem Viertel haben, wurde es auch umgesetzt.
Etwas ähnliches ist auch hier geplant, aber die Kinder dazu zu bringen, ist noch ein langer Weg!
Ansonste begleiten wir die verschiedene Schulgruppen auf ihren Ausflügen, um die Lehrer betreuungsmäßig zu unterstützen, aber vor allem auch, um Berichte zu verfassen und zu dokumentieren – mit unseren Kameras. Bhumi muss dringend mehr über seine Arbeit berichten und braucht dafür Leute, die fit in solchen Sachen sind. Ich habe unter anderem Fotos gemacht von dem Ausflug der 10. Klasse der Govt. High School in Rasoolpura zum Meteorologischen Department Hyderabads, sowie von zwei Frauenselbsthilfegruppen, die einen Mikrokredit aufgenommen haben, als auch von einer Sitzung mehrerer lokaler NGOs, die ähnlich wie Bhumi in Rasoolpura arbeiten und eine Art Hilfsplattform gründen wollen und vom neu organisierten Aufklärungsunterricht, den die meisten Erwachsenen hier dringen benötigen. 

Mit der zehnten Klasse, Philipp, Ajay, Sandhya und mir im meterologischen Center

Unterricht auf der Wetterstation
Unterschreiben für Bhumi auf der lokalen NGO-Sitzung

Aufklärung im Bhumi Center für Frauen
 
Ansonsten haben wir neulich das erste Mal einem sogenannten „personal growth meeting“ beigewohnt, einer Art philosophischer Diskussionsrunde, wo bestimmte Fragen anhand alltäglicher Beispiele diskutiert werden. Jeder kann seine persönlichen Gedanken und Eindrücke mitbringen und sie mit den anderen Bhumi Leuten teilen, eigentlich eine ganz nette Idee und zum Glück völlig ungezwungen. Wenn man gerade nicht reden will, kann man auch nur zuhören. Und der Leiter der Diskussion hat ein Buch, in dem er alle Fragen notiert, sodass man jede Sitzung irgendwie verfolgen kann, was sehr interessant ist.
Nur leider immer etwa spät, das Treffen. Philipp muss dann immer im Dunkeln nach hause radeln und ich hab eine schwere Zeit, eine Rickshaw im Abendverkehr zu finden, die mich nicht völlig abzieht.

Rasoolpura, vom Klassenzimmer aus fotografiert, im Hintergrund eine der vielen Moscheen
Rasoolpura bei Nacht hat etwas sehr faszinierendes, irgendwie. Weil die Leute hier auf den Straßen leben, weil man alles beobachten kann, in ihre Leben sehen kann.
In der engen Straße vor dem Office sitzt immer eine kleine, alte Frau, Freya erzählte mir, sie sei 103 Jahre alt, sie sitzt den ganzen Tag auf ihrer Steinbank vor ihrem Haus und jedes Mal, wenn wir vorbeikommen, reicht sie mir die Hand und lässt sie gar nicht mehr los, irgendetwas auf Telugu sprechend, ein absolut liebreizendes Lächeln, indem sie ihren letzten Zahn präsentiert.
Sie ist großartig. Abends, so gegen 6 Uhr, geht sie dann in ihr Haus zurück, auf einen großen schweren Stock gestützt, eine halbe Stunde braucht sie für die ein einhalb Meter, Schritt für Schritt, mit bedächtigen Pausen dazwischen, in ihren leuchtendem Sari.
Momentan hängt das Office voll mit kleinen leuchtenden Glühbirnen, als Zierde, für Diwali, das erst Anfang November sein wird.
Gegenüber kann man quasi komplett ins „Haus“ gucken. Darin leben so viele Leute, dass man irgendwie nicht sagen kann, ob das eine oder mehrere Familien sind und wer zusammen gehört. Selbst wenn man hier durch die Straßen geht, sind alle Türen offen, sodass man von den schmalen Betonfurchen, durch die man läuft, direkt in jede Wohnung blicken kann. Von einem Fenster ins nächste, meist blickt man in ein großes Lager am Boden, aus dem einem etliche Kinder neugierig angucken, Straßenhunde dösen im Schatten davor.
Vom Mittelbalkon des Office aus sieht man die Wassertonne, die quasi das Bad der Familien gegenüber ist. Schräg gegenüber kann man in die Küche sehen, ordentlich aufgereihtes Blechgeschirr, die Frau, eine von vielen, von denen ich nicht ausmachen kann, ob sie Tochter, Ehefrau oder irgendeine Tante ist, steht im Dampf, dreht irgendwas im Topf und sieht dabei sehr souverän aus. Gegen 6 oder 7 Uhr verrät das laute Zischen aus der Alupfanne, dass ein Curry im Entstehen ist, die Straßen werden erfüllt von einer Mischung aus gebratenen Gewürzen, Kloake und dem Duft von frischen Brotfladen.
Immer wieder laufen rufende Männer vorbei, deren monotones Wiederholen etwas animalisches aus ihrer Stimme macht, von der Ferne klingt es wie das überlaute Rufen einer Ziege oder eines Schafes, sie haben alles mögliche auf ihren überladenen Drahteseln dabei und was immer es auch ist, sie rufen seinen Namen, den ganzen Tag lang. Gemüse, Stofftücher, Chai, Eiscreme, Plastikeimer, Samosa oder andere Snacks, es gibt sie in allen Varianten und sie ziehen durch die schmalen Straßen und verkaufen alles mögliche an den Haustüren.
Die Kinder spielen auf den Straßen, jetzt, wo es ihre freie Zeit ist, in der Dämmerung, bis sie zum Essen gerufen werden. Viele der Kinder stehen auf den hohen Flachdächern und lassen ihre aus Plastikmüll und Fäden selbst gebastelten Drachen steigen, hoch oben über dem wirren Dächerwald des Slums, aus dem ab und zu mal ein toter Baum ragt, während der Muezzin seine Rufe macht, fünf Mal am Tag, blechern und laut.
Jeden Tag, jede Nacht derselbe Rhythmus. Immer wieder.
Bevor ich gekommen bin und auch nach mir noch.
Das Leben hier ist so paradox, elend und wunderschön zugleich.


Momentan wird das Navrathifestival gefeiert, zu Ehren der Göttin Durga (die schwer Durschaubare, Sinnbild der Göttin schlechthin), die man daran erkennt, dass sie den blutigen Kopf eines Mannes in ihrer rechten Hand hält ;)
Sie sitzt auf einem Tiger oder einem Löwen und hat zehn Arme, in denen sie hauptsächlich Waffen und ein Schild hält. Der Legende nach hat sie die Waffen von Shiva, Vishnu und sämtlichen Himmlischen überreicht bekommen, um einen Dämon zu besiegen. Dieser Dämon war zuvor ein großer Herrscher und hatte sich durch Askese und Ehrerbietung bei Brahma gewünscht, dass nur eine Frau ihn besiegen kann, weil er davon ausging, dass eine Frau ihn niemals töten könne. Mit der Zeit wurde er dann aber immer machtgieriger und willkürlicher und die Götter sahen das nicht gerne, waren aber in ihrer Männlichkeit machtlos, ihn zu stoppen. Aber aus ihrem Zorn und ihren Körpern formte sich ein neues Wesen, das die Gestalt einer wunderschönen Frau annahm – sie bekam alle Waffen der Götter überreicht und besiegte den böse gewordenen Herrscher und seine gesamte Armee alleine.

Durga besiegt den Dämon mit ihren himmlischen Waffen
In einer der hinduistischen Schriften steht über sie geschrieben: „überirdisch strahlend, ihr unermesslicher Glanz durchdrang die drei Welten, ihre Füße bogen die Erde und ihre Krone berührte den Himmel. Mit ihren tausend Armen durchdrang sie das Universum. Schließlich zog die Göttin mit laut brüllendem Lachen in den Kampf, die Berge schwankten, das Universum bebte und die Meere traten über die Ufer.“ - sie ist sehr populär und jedes Kind kennt sie hier.

Vor dem Tanzen kann man sich - gegen eine kleine Spende versteht sich - den Segen der wilden Göttin holen
Ihr zu Ehren wird sieben Tage lang gefeiert und Teil dieser Feiern sind das allabendliche ekstatische Tanzen mit kurzen Bambusstöcken – genannt Dandiya (erinnert mich etwas an den philippinischen Stockkampf Escrima).
Vorgestern haben Philipp und ich daran Teil genommen, es war wunderschön! Inder sind ein sehr tänzerisches Volk, die Menschen hier haben Rhythmus, selbst die ganz kleinen Kinder, behangen mit schweren langen Röcken, Klimperkram, Schellen, Armreifen die ganzen Arme entlang, Fußketten, Farbpulver... filigrane, anmutige Schritte, Männer wie Frauen drehen die Hände, bewegen die Hüften, schnell, rhythmisch, langsam und präzise, die Frauen zeigen selbstbewusst Bauch und Rücken, die Lider halb gesenkt, schwitzend in der großen Menge, staubig vom Sand, auf dem man barfuß läuft, nicht mehr präsent.






Man tanzt zu zweit, in langen Reihen, in Kreisen, mit und ohne Stöcke, man bewegt sich in der Masse quer über den ganzen Platz, zu lauter, von Trommeln dominierter Musik, man vergisst sich selbst. Es wird nicht getanzt, um gesehen zu werden, sondern um zu tanzen, nicht um zu beeindrucken, sondern um in sich zu versinken, die Leute tanzen ihre Lebensfreude, sie schmeißen Arme, Beine, alles, was sie haben, egal, wie es aussehen mag, manche sind präzise, ruhig, gehen ihre Schritte, schwungvoll, wuchtig, im Rhythmus der Trommeln, ein Gesicht wie in der Meditation, entspannt, andere verausgaben sich völlig.
Am Ende hatte irgendjemand in der Organisation des Festivals über einen unserer Begleiter erfahren, dass wir auch da sind, als einzige Weiße offensichtlich und wir wurden auf die Bühne gerufen. Es gab eine Preisverleihung für das beste Tanzpaar, Freunde von uns, mit denen wir unterwegs waren. Das Mädchen ist meine Schneiderin in Rasoolpura und sie sah umwerfend schön aus!


Paartanz

im kleinen Kreis, zum Üben ;)

traditionell gekleidet

Wir haben dann so eine Art „Ehrenpreis“ bekommen, nach dem wir demonstrieren mussten, was wir gelernt hatten ;) Ein Spruchband der Göttin und eine lange Halskette, wie man sie hier bei Gebeten manchmal trägt.
Zuvor hatte uns Ajay Kumar, Englischlehrer bei Bhumi zu sich nach hause eingeladen, zu seinem zuckersüßen Sohn Amar und seiner großartigen Frau Archana, die selber Gründerin einer NGO für Kinderrechte ist. Ich hatte das beste vegetarische Biryani meines Lebens :)

Philipp, Amar, Ajay & ich

Danach hatten wir eine äußerst lustige Rückfahrt mit Feroze, einem Muslime, der das Konzept des Children's Parliament ausgearbeitet hat, und der vor einer Woche erst Auto fahren gelernt hat und zudem noch größenteils nachtblind ist ;-D  
Aber wir sind trotzdem heil angekommen („Feroze, left, left, KEEP LEFT! Do not cross the line!!“) - Leute fahren auch gerne einfach trotzdem mal rechts und im Gegenverkehr, dann weicht man halt einfach mal kurz aus ... von wegen die durchgezogene Linie ist wie eine Mauer ;)

Ach ja – das letzte Wochenende davor, war ich mit Lindsay shoppen und die großen Bazaars und Läden hier angucken. Es war wunderschön und ich habe sehr tolles gold-blaues Dressmaterial für einen Ausgeh-Salwar gefunden und dann noch ein wirklich wunderschönen ready-made Salwar-Kameez in dunkelpink und grünblau, den ich an Diwali das erste Mal tragen werde (bis dahin: keine Fotos ;-) ).
Es gibt hier nämlich die Tradition, dass man zu Diwali etwas neues zum Anziehen trägt und zudem ist es ein sehr traditionelles, offizielles Fest, ein bisschen wie unser Weihnachten und Silvester zusammen. Überall sind dann Lichter und Feuerwerk, es wird viel gegessen und natürlich auch eine Puja (hinduistische Gebetszeremonie) gehalten. Wir werden all das in der Familie eines Freundes mitmachen dürfen, darauf freue ich mich jetzt schon.

Des Weiteren ist ein Trip nach Mumbai geplant, wir fahren mit Freunden, die geschäftlich dort sind vom 21 Oktober sechs Tage dorthin, um die „eigentliche Hauptstadt“ Indiens auszuchecken... Mumbai underworld :D Wird bestimmt schön und spannend!
Zudem ist an meinem Geburtstag ein Ein-Tages-Trip nach Sri Sailam geplant - „Lord Shiva's Place“. Dort kann ich dann auch einen Shiva für meinen kleinen Hindu- Hausschrein bekommen :)

So, und jetzt muss ich mal den Reis aufsetzen, da ich hier meist doch die Kochverantwortliche bin (oder gerne wäre... wenn ich irgendwann mal gut genug bin, ohne Hilfe echt indisch zu kochen ;-) ).

Dann mal viele liebe Grüße aus dem sonnigen Hyderabad,
eure Tanni

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