Jetzt sind wir schon über zwei Wochen in Hyderabad und die Zeit verfliegt wie immer so schnell, dass ich kaum Blog schreibe oder Mails beantworte. Tut mir Leid, wenn jemand noch warten muss, aber Sorgen braucht ihr euch keine zu machen :)
Wir erleben hier jeden Tag so viel, dass ich mit dem Erzählen gar nicht mehr hinterher komme.
Die letzten Tage waren mehr von Freizeiterlebnissen geprägt, aber auch von einigen wichtigen Sachen, die unsere Arbeit hier betrifft.
Anfang der Woche hatten wir ein Treffen mit dem ehemals zuständigen Koordinator für das Children's Parliament, der auch den Plan dafür entwickelt hat und haben mit ihm darüber gesprochen, wie wir eigentlich helfen können. Das Children's Parliament ist eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen, die wie in einem Parlament demokratisch und mit zuständigen „Ministern“ arbeiten, in der Theorie geht es besonders darum, eine Sensibilität dafür zu entwickeln, dass jeder am Aufbau und der Verbesserung des Landes teilnehmen kann, wie man über zuständige Behörden agieren kann, wie man Beschwerden verfasst oder Beweise aufnimmt, wie man Probleme erkennt und behandelt, welche Rechte man auch als Kind hat und wie man darauf bestehen kann... eigentlich ein sehr guter Ansatz! Das Problem ist bloß, dass viele der Kinder in der Gruppe noch viel zu klein sind für derart anspruchsvolles Training und die drei älteren Mädchen langweilen sich natürlich schnell, wenn man alles etwas herunterschraubt. Wir versuchen jetzt also, möglichst viel mit den Kindern in Spielform zu machen und vermitteln weniger Inhalt.
| Prithi & Svathi, zwei ganz schön fesche Mädels vom CP |
Der eigentliche Aspekt ist aber, dass wir Sandhya, die aus der Gegend kommt, die Kinder kennt und ihre Sprache – Telugu – spricht, unterrichten. Wir sollten ihr vermitteln, wie sie Unterricht pädagogisch aufbaut und wie sie Spiele entwickeln kann und gleichzeitig müssen wir ihr den Inhalt des Plans erklären, weil ihr Englisch nicht gut genug ist und sie von Politik nicht sehr viel weiß.
Das ist eine recht schwierige Aufgabe, auch wenn es gerade nur recht wenig ist, immerhin ist das Children's Parliament immer nur sonntags. Die Vorbereitung braucht allerdings immer etwa sund wir müssen uns dafür zweimal die Woche mit Sandhya treffen, in Zukunft vielleicht eher noch mehr.
| Freya & Sandhya |
Des Weiteren wurden wir gebeten, am DnE-Programm mitzumachen, eine wirklich sehr tolles Mentorenprogramm, in dem junge indische Studenten und Studentinnen mit den Kindern aus Rasoolpura zusammen kommen. Jeden Sonntag morgen gibt es gemeinsame Aktivitäten, die das Zusammensein und die persönliche Entwicklung fördert, bei den Kindern, sowie bei den Mentoren. Zudem gibt es noch zusätzliche workshops für die Mentoren, um ihre Fähigkeiten als Betreuer zu schulen. Sie sind außerhalb von Familie und Bekanntenkreis immer für ihren „mentee“ da.
Wie genau wir daran teilnehmen sollen, ist noch unklar. Wir waren bis jetzt öfters bei den Aktionen dabei und haben auch mitgespielt, was jedes Mal sehr lustig für uns war und auch praktisch, weil wir so junge, aufgeschlossene Inder und Inderinnen in unserem Alter kennen lernen können.
Aber selber Mentoren zu werden ist eigentlich nicht machbar, wir sprechen kein Telugu und die meisten Kinder finden uns doch noch sehr gruselig ;)
Sravanthi, die zuständige für das DnE-Programm macht das wirklich unheimlich gut, alle Programme hier sind super durchdacht und haben guten Ziele und Pläne.
Es mangelt nur noch etwas an der Effektivität, bei den meisten Programmen jedenfalls. Indisches Chaos ist irgendwie nie ganz zu vermeiden ;)
| Sravanthi, die meint, nicht fotogen zu sein :) |
Ansonsten gehen wir natürlich ganz brav jeden Samstag morgen zum Bhumi Staff Meeting und versuchen so präsent wie möglich zu sein, wir sind also eigentlich seit 15 Tagen bis auf drei, wo wir aus Sicherheitsgründen nicht kommen sollten, immer hier gewesen.
Das sind die wichtigsten Leute für uns bei Bhumi:
Das sind die wichtigsten Leute für uns bei Bhumi:
| Kadambini, auch Kadu genannt, die für den Lernbereich zuständig ist und sich gut um uns kümmert |
| Nayeem, der äußerst praktische Mann für alles hier im office - er hat unsere Simkarten besorgt und ist stets sehr nett und zuvorkommend |
| Iqbal, ein sehr moderner, aufgeschlossener Inder, der sich um Datenbanken und technische Dinge kümmert |
| Ajay, der Englisch unterrichtet, sich aber auch viel um die Organisation kümmert und der mich irgendwie an Gandhi erinnert... sein Kind wächst mit allen Religionen gleichzeitig auf und außerdem ist er der beste Yogaberater überhaupt |
| Razya, Herz und Seele von Bhumi, sie hat immer gute Laune und ist glaub ich so eine Art von Buchführerin |
Meistens kommen wir so gegen 11 spätestens an, wir nehmen uns zwar immer vor Punkt 9 aufzustehen, aber das ist so eine Sache... mit Frühstück und Rickshawfahrt dauert es dann immer etwas, bis wir da sind.
Für die Fahrt müssen wir uns auch noch eine bessere Lösung einfallen lassen. Von der Kilometerzahl ist es ja gar nicht so weit weg, nur sind die Straßen scheußlich zum Fahren. Wir müssen auf die Hauptstraße und über das, was die Inder einen Fly-over nennen (so eine Art Straßenüberführung) und morgens um die Zeit ist es entsprechend voll dort.
Philipp will ja immer noch mit dem Fahrrad fahren, mir ist das nicht so ganz geheuer, ich weiß nicht, ob ich das auch machen will... am schlimmsten sind eigentlich gar nicht die ganzen Fahrzeuge, sondern der ganze Dreck. Nach einer harmlosen 5-Minuten-Rickshawfahrt kann man mit einem Taschentuch über irgendeine beliebig sichtbare Körperstelle fahren und das Tuch ist schwarz. Das erklärt auch die seltsame Erscheinung der meisten Inder auf oder in offenen Fahrzeugen, die mit bis auf die Augen Schals und Tüchern umwickelt (oder Frauen sogar in langen schweren Winterjacken, die ihre schönen Saris schützen sollen) durch die Gegend fahren.
Der Smog hier ist echt unfassbar. Selbst jetzt noch habe ich manchmal noch Probleme mit den Augen oder mit Schnupfen, wenn ich zu lange auf den Straßen hier unterwegs bin.
Vielleicht ziehen wir aber auch einfach näher an das Slum heran. Ob wir das „Guesthouse“ (das ja gar keins mehr ist) behalten werden, ist nämlich unklar.
Dieses schöne Haus in dem Stadtteil „East Maredpally“, gehört irgendjemandem in Amerika und Mujeeb, unser Chef, hatte es gemietet, um die vielen volunteers von Bhumi, sowie weitere Gäste und die Internetfirma eines Freundes dort unterzubringen.
Letztes Jahr haben die Freiwilligen also dort in einer sehr netten, kunterbunten WG in einem sehr schönen, sogar grünen und (bis auf die unheimlich lauten Straßenhunde) ruhigen Stadtteil gelebt. Wir hatten erwartet, dort auch unterzukommen, so wurde es uns zumindest erzählt.
Als wir ankamen, erfuhren wir dann, dass wir im Office mitten in Rasoolpura leben sollten und dass Bhumi das „Guesthouse“ aufgeben will. Wir sind trotzdem vorerst dorthin gezogen, bis wir eine bessere Lösung gefunden haben. Das das Haus so schön ist und die Leute so nett, würden wir gerne bleiben. Lindsay, Harish und Feya werden allerdings in Kürze ausziehen müssen, also haben wir das Problem, dass die Miete zu teuer für uns wird.
Eventuell können wir noch einen Mieter dazu holen, oder zwei und mit der Firma zusammen würden wir uns dann finanzieren können. Vernünftiger wäre allerdings, nur für uns zwei eine kleine Wohnung näher am Slum zu nehmen. Das wäre dann aber auch ziemlich nahe an der Mega-Hauptstraße und wahrscheinlich bei weitem nicht so schön und ruhig.
Gut zu wissen ist aber, dass Chandu, der Mitbesitzer dieser Firma und auch Harish und Leute von Bhumi uns helfen werden, etwas zu finden und einen guten Preis auszuhandeln, sollte es zum Umzug kommen.... Schade, dabei hatte ich mich gerade eingelebt!
Im Laufe der Woche waren wir dann mit Rahamad (der eigentlich nur Ali genannt wird), Raza, Imran und Uttam, unseren muslimischen Freunden aus der Mentorengruppe im Kino in einem brandneuen Bollywoodfilm und Billiard spielen habe ich danach auch noch gelernt :)
Der Film hatte eine sehr süße Geschichte, war nachdenklich, sehr lustig, kam mit wenigen aber guten Tanzeinlagen daher und hatte eine schöne, energetische Filmmusik. Ganz schön sehenswert, was das moderne indische Kino so liefert, wenn es sich mal Mühe gibt ;)
| Philipp und Ali |
Ich glaube der Film hieß: Anjaana, Anjaani (ungefähr: Zwei Fremde) und man konnte ihm gut folgen, obwohl er auf Hindi war. Ein paar Wörter habe ich sogar schon verstanden.
Philipp und ich gucken uns gerade nach Hindikursen in der Stadt um, es ist allerdings etwas umständlich Englisch → Hindi zu finden, meist gibt es die eher andersherum.
Heute abend planen wir mit der WG ins kleine Kino um die Ecke zu gehen, das dann allerdings mehr um mal indische Kinobesucher zu erleben, als wirklich den Film zu sehen ;)
Ansonsten sind wir nun endlich legale Bewohner Indiens, unsere Registrierung hat einen Tag vor dem Ablaufen unserer Frist ohne Probleme funktioniert, trotz mürrischer alter indischer Beamter, die ihre Stifte nicht herausrücken wollten und trotz langer Anfahrten in kaputt gehenden Rickshaws :)
Heute morgen ist - mal wieder - etwas komisches passiert: Ein Mann hielt neben uns an und redete mit Philipp, ehe ich mich versehen hatte, ist der eingestiegen und gab mir zu verstehen, dass der Herr uns wohl irgendwohin mitnimmt. Ich wollte zwar noch protestieren, bin dann aber mit rein und dann meinte der Mann, er sei Christ, auf dem Weg zu seiner Kirche und er würde uns ein Stückchen mitnehmen. Auf diese Art und Weise hat uns die Rickshawfahrt nur 20 Rupien gekostet.
Wenn man hier weiß ist, wird man öfters mal von indischen Christen angesprochen, weil sie grundsätzlich denken, man sei auch einer – das ist uns jetzt schon mehrmals passiert.
Meist sind die Christen hier aber irgendwie gruselig (missionarisch und so)... um nicht zu sagen, fehl am Platz.
Das indisch praktizierte Christentum ist aber auch wirklich eine Sache für sich. Die modernen Kirchen sind betont altmodischen Stils, sehen aber aus wie aus Plastik und neigen dazu, pastellrosa gestrichen zu sein, dazu kommt, dass die ganzen Maria- und Jesusfiguren so bunt sind, dass sie eher an Ganeshas und Lakshmis erinnern und es kann auch schon mal passieren, dass nicht Maria das Kind hält, sondern der große Jesus sich selbst als kleines Baby- und natürlich hat er dabei einen Vollbart und merkwürdig leuchtend blaue Augen ;)
Heute auf dem Rückweg vom lunch haben übrigens einige Kinder auf der Straße und in einer alten Garage Cricket gespielt. Philipp wurde natürlich sofort dazu eingeladen und hat ein bisschen mitgespielt.
Ich stand ungeduldig in der Sonne daneben und um mich herum haben sich dann weitere Frauen versammelt.
Sie beginnen das Gespräch für gewöhnlich mit Fragen wie: „He your husband?“ und ich schüttel dann in der Regel verlegen den Kopf, dann fragte sie, etwas irritiert schon, „No? Your brother?“ und wenn ich dann nochmal den Kopf schüttel, wissen sie nicht mehr weiter. Manchmal kommt dann noch „Cousin?“ oder „Father?“, ich versuche dann zu erklären „No, no, just friend!“. Das verstehen sie nicht so ganz und vielleicht wäre es besser, einfach Ja zu sagen, wenn sie nach meinem „husband“ fragen.
| Philipp lässt sich Cricket auf der Straße beibringen |
Ich stand ungeduldig in der Sonne daneben und um mich herum haben sich dann weitere Frauen versammelt.
Sie beginnen das Gespräch für gewöhnlich mit Fragen wie: „He your husband?“ und ich schüttel dann in der Regel verlegen den Kopf, dann fragte sie, etwas irritiert schon, „No? Your brother?“ und wenn ich dann nochmal den Kopf schüttel, wissen sie nicht mehr weiter. Manchmal kommt dann noch „Cousin?“ oder „Father?“, ich versuche dann zu erklären „No, no, just friend!“. Das verstehen sie nicht so ganz und vielleicht wäre es besser, einfach Ja zu sagen, wenn sie nach meinem „husband“ fragen.
Die meisten Leute hier halten uns für ein Paar und wir müssen dann jedes Mal wieder erklären, dass wir uns am Tag unserer Ankunft in Dubai das erste Mal überhaupt gesehen haben, dass wir nicht in derselben Stadt in Deutschland wohnen und auch nicht verlobt sind ;)
Heute abend sind wir dann noch bei Sandhya gewesen und haben ihren Onkel, ihre Tante und ihre kleine Babycousine besucht. Das kleine Ding war gerade mal einen Monat alt und hatte noch keinen Namen, wie es für so junge Kinder üblich ist. Sie bekommen ihre Namen in der Regel erst, wenn sie etwas älter sind, frühestens nach 11 Tagen. Das ist wohl ein Überbleibsel der hohen Kindersterblichkeit.
Auf jeden Fall hat man sie "Dolly" gerufen und wie alle Neugeborenen war sie bereits fleißig geschminkt, mit schwarzem Kajal um die Augen und Punkten, sowie nachgezogenen Augenbrauen - um das Böse fern zu halten. Da Sandhya für uns kochen wollte, hat sie kurzerhand das kleine Etwas in meine Hände gedrückt. Sie war so unfassbar winzig! In Deutschland läge sie bestimmt noch einige Zeit auf der Frühchenstation im Krankenhaus, hier liegt sie auf einem Haufen Decken auf dem Boden vor dem Fernseher, der immer läuft, genau so wie der Ventilator über ihr. Die Leute hier lieben ihre Kinder, aber sie gehen manchmal ganz schön ruppig mit ihnen um.
| Sandhya in der Küche |
| "Dolly", ein Monat alt |
Freya, die ja wesentlich mehr mit so jungen Kindern zu tun hatte, als ich, hat mir ezählt, dass viele Behinderungen dadurch entstehen, dass die Kinder in den ersten Wochen zu stark geschüttelt worden sind, oder sich die Köpfe irgendwo gestoßen haben.
Die Familie war unheimlich gastfreundlich, man hat uns bedient und mit ehrfürchtigem Namaste begrüßt, ich fand es fast schon ein bisschen unangenehm, so nett waren sie. Ich weiß dann nie, was ich sagen soll, außer ständig "Thank you" - was sie noch nicht einmal besonders mögen. Unter Freunden sagt man in Indien weder Danke noch Entschuldigung, das ist so eine Art eherne Regel hier.
Auf jeden Fall habe ich einige Bilder von ihnen gemacht und ihnen versprochen, sie ihnen ausgedruckt mitzubringen. Bilder von sich selbst hat hier nämlich auch keiner und sie freuen sich stets sehr darüber. Also- wenn wir sie das nächste Mal besuchen, werde ich ihnen die Fotos als Geschenk mitbringen :)
| Babysitting ;) |
Also, mir geht es prima hier, es hat weiterhin sonnige 26-28 Grad hier (obwohl einige sehr viel angenehmere Wolkentage dabei waren), das Essen ist immer noch super und wir kommen viel umher!
Ich wünsch euch alles Gute im kalten Deutschland und schick euch ein paar Grad mehr rüber :)
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