Die Zeit fliegt an mir vorüber! Heute waren wir beim Registration office, was in der Nähe von der berühmten Charminar liegt. Das ist ganz schön weit weg von Secunderabad, wo wir wohnen. Wir hatten eine 130 Rupees teure Rickshawfahrt dorthin und hatten das Gefühl, in einer anderen Stadt angekommen zu sein (übrigens - 130 Rupien sind ca. 2 Euro... es ist wahnsinnig, wie man sich hier an die Preise gewöhnt, wir feilschen jetzt sogar um Beträge wie 10 Rupien - das ist gerade mal 1 Cent! Neulich als wir essen waren, dachte ich mir: 134 Rupien - das ist aber ein teures Restaurant. Normalerweise bezahle ich maximal 50 fürs Essen, bei meinem Lieblingsladen meist eher 25 Rupien. Und dann hab ich festgestellt: Moment, du beschwerst dich gerade über Beträge wie 20 oder 50 Cent! ;) )
Hyderabad im Zentrum sieht weniger aus wie eine Stadt der Hindus, als eher wie eine Stadt der Muslime, man sieht keine Tempel mehr, sondern Moscheen, die Leute sind weniger modern gekleidet, sie tragen diese Hütchen, es gibt mehr Fleisch auf den Menükarten, die Werbung, die Namen der Läden sind anders. Vorallem aber ist die Gegend ums Zentrum herum viel reicher als Secunderabad, dort findet man viele Slums.
Und bei der Charminar waren soooo wunderschöne Geschäfte *.*
Wunderschöne Schuhe, flache Ballerinas in allen Farben, spitz, rund, nach oben gebogen, Flip-Flops mit und ohne Absätze in allen Farben, Stoffe, Armreife, Kämme, Teppiche.... Ich muss da definitiv nochmal zum Einkaufen hin ;)
Heute hat zwar nach einigem Hin-und Her alles geklappt, am Freitag müssen wir uns aber die Bestätigung abholen, also gehen wir nochmal hin. Das blockiert unsere Arbeit zwar im Moment etwas, aber es braucht meistens schon einen ganzen Tag, hin und zurück zu kommen. Schon merkwürdig, was man alles für Dokumente braucht, um sich zu registrieren (indische Bürokratie ist lustig).
Oh, auf dem Rückweg haben wir den Bus genommen (und auch da dachten wir uns: Was? 22 Rupien für uns beide? Mann, was wird man hier knauserig. Und man denkt immer erstmal, dass die Leute einen abzocken wollen. Das hat man davon, wenn man zuviel Umgang mit Rickshawfahrer hat ;) Aber heute waren wir durchweg konsequent hartnäckig und dementsprechend erfolgreich im Feilschen).
Wir saßen nebeneinander vorne und da sitzen eigentlich eher Frauen und hinten die Männer. Das ist so, weil in Indien fast alles nach Frauen und Männer getrennt ist. Wenn man also als Frau in den Bus kommt, kann man die vorderen Sitze für sich beanspruchen, sollte da ein männlicher Passant sitzen, was dann auch prompt passiert ist, so dass Philipp dann sich von mir weg und nach hinten setzen musste. Als dann alles seine Ordnung hatte, wurden wir auch nicht mehr so komisch angeguckt ;)
Ansonsten geht es mir wirklich gut hier. Wir sind eine richtige nette kleine WG im "guesthouse" (ist ja gar keins mehr), schade nur, dass Freya und Harish in ca. einer Woche ausziehen und Lindsay in absehbarer Zeit folgen wird. Wir hoffen, dass wir uns dann jeder ein Zimmer mit Bad hier mieten können und dann kann Chandu mit seinern Jungs von der Firma (die arbeiten nur hier und hätten dann die obere Etage als Büro) hier bleiben, vielleicht können wir das eine leere Zimmer dann auch noch vermieten und haben ein paar neue Inder im Haus :) Eine WG mit Leuten von hier ist doch irgendwie netter. Man hat immer jemanden, den man fragen kann, mit denen man mal abends irgendwohin gehen kann, ohne dass man groß Leute organisieren muss. Und die sind alle echt nett. Chandu versorgt einen ständig mit Essen oder allem anderen, was man gerade haben will, Harish kocht göttlich, Freya zeigt mir die nettesten Läden (übrigens- Inderinnen tragen so riesige Nachthemden in den tollsten Mustern und nennen sie "Nighties" - das bequemse und luftigste Kleidungsstück der Welt. Ich hab jetzt auch eins, auch wenn Philipp meint, ich seh darin aus wie ein Oma ;)) und wenn gar nichts mehr kappt, können wir Lindsay anbetteln, uns ihr Auto zu leihen.
Wenn man hier mal einen generellen Putz-Rundumschlag startet und dann ein paar Kleinigkeiten wie Vorhänge, Sitzkissen und ähnliches kauft, wird es hier richtig gemütlich. Und das Haus ist wirklich schön, hat etwas herrschaftliches, liegt schön ruhig am Grün, ist nah am Office dran und hat einige Einkaufsläden, Obststände und (am wichtigsten!) Süßigkeitenläden gleich um die Ecke. Vor allem haben die immer offen. Sind gerade um halb 11 noch ne Packung Milch fürs Frühstück holen gegangen. Oh und die Chillichips, die der Süßigkeitenladen um die Ecke abends frisch macht, sind soooooo gut :)
Jetzt, wo ich mich an die rauhen Mengen von Reis gewöhnt habe und einen Süßigkeitenladen entdeckt habe, gehe ich bestimmt auseinander wie Hefe, oh je...
Jedenfalls waren wir mit unser kleinen indischen Familie vorgestern abend auf den nahe gelegen Mahendra Hills, großen weißen Steinbrocken, die einfach so aus der flachen Erde rauskommen. Von da hat man eine wunderbare Aussicht auf die Stadt, die ganzen Lichter, die Weite, die Ferne, die Sterne, die vielen Geräusche, die dumpf hoch schallen und die Fledermäuse, die einen umflattern. Es war atemberaubend.
Immer dann, wenn ich diese Stadt von der Ferne betrachte und die Stille wahrnehme, die man sonst nirgendswo hier findet, dann bemerke ich erst, wo ich überhaupt bin. In Indien. Indien!! Und dann muss ich jedes Mal grinsen und den Kopf schütteln.
Wir sind natürlich auf den Motorrädern der 3 Jungs mitgefahren, ich auf Chandus, Freya bei Harish und Philipp mit einem Freund aus Chandus Firma, Anvesh. Da haben wir uns dann Orte aus der Ferne zeigen lassen, geplant, was wir alles noch machen wollen, philosophische Gespräche über Shiva gehabt und sind irgendwann mitten in der Nacht wieder zurück gebraust. Irgendwie hat das Mitfahren ja doch was entspanntes. Du lässt dich einfach mit Wind umwehen, lehnst dich bequem an den Vordermann und lässt die Dinge passieren.
Ich bin sowieso erstaunt gewesen, wie ich heute so entspannt durch das hektische Getümmel aus hupenden Rickshaws, dreifach beladenen Motorrollern, Fahrrädern, dicken Geländewagen, Kindern und Hunden und Katzen durchgeschlendert bin. In indischer Manier irgendwie ziellos aussehend, mal rechts, mal links gucken, ohne groß darauf zu achten, dass der 2-Tonnen-Laster neben dir quasi exakt an der Kante deiner Sandale lang gefahren ist, am besten noch irgendein Lied summend. Wenn ich gegessen habe, dann bin ich selig und voll genug, um all das mit Gelassenheit zu nehmen. Man muss sich einfach ganz gemütlich, aber zielstrebig seinen Weg bahnen. Morgens, wenn ich noch müde und hungrig bin, ist dafür die Fahrt in der Rickshaw entspannend.
Klar wird man viel angebettelt. Heute an der Charminar war es besonders schlimm, Leute haben versucht einen festzuhalten, da muss man auch einfach sanft, aber bestimmt sein und sie genau so ignorieren, wie es die meisten Inder selber auch tun.
Man fühlt sich nicht so schlecht, wenn man daran denkt, dass man in einer Organisation wie Bhumi es ist, den ärmeren Menschen dieses Landes versucht, systematisch zu helfen. Das ist besser, als willkürlich Centbeträge zu verschenken.
Es ist ein echtes Großstadtleben hier, ganz anders als ich es kenne... die meiste Zeit sind wir im Slum unterwegs, wo wir jeden Tag essen und auch unsere Kleider nähen lassen, Trinkkokusnüsse genießen, Bangels kaufen und uns zu den Leuten draußen setzen, das ist dann mehr wie ein kleines Dorf, wo jeder jeden kennt. Wenn wir dann aber zurückkommen, wechseln wir in Städtermodus und cruisen mit den anderen durch die Stadt, gehen ins Kino oder sonstwo hin und dann trifft man auf Inder, die ganz anders denken und aussehen. Irgendwie muss man das im Kopf sortieren, aber das geht so schnell und irgendwie... kommt alles von ganz alleine. Man darf sich nur nicht so sehr verwirren lassen, alles mitnehmen und darauf achten, dass man sich immer wohlfühlt. Bis jetzt kann ich mich wirklich nicht beschweren :)
Hier regnet es momentan wieder etwas, was für die Temperaturen ganz angenehm ist.
Heute morgen war es nämlich unerträglich heiß! Oh, ich habe jetzt auch eindlich meine Shalwar Kameez fertig genäht bekommen, Philipp hat heute morgen Beweisfotos auf dem Balkon gemacht ;) Eine muss ich aber zurück geben, irgendwie sind da die Maße an bestimmten Stellen zu eng... die Schneiderin im Slum ist wohl eher weniger gewohnt. Oder wie Sandhya immer so nett sagt: Tanja, du bist so fett! (Sie ist wirklich sehr dünn und flach ;))
- Oh mein Gott, Chandu hat mir gerade das beste Bananen-Schokoladen-Eis der Welt gemacht und ich muss mich gerade mal mit Philipp und dem Rest darum streiten -
Und jetzt wieder schöne viele Bilder:
| Babyziege auf dem Weg zur Arbeit - extra für Charlotte fotografiert ;) |
| Unser Lieblingsplatz zum Essen - Sri Matha. |
| Philipp demonstriert essen mit den Händen in drei Schritten im Sri Matha |
| Sandhya unterrichtet die Kinder vom Children's Parliament |
| Und wir unterstützen Sandhya dabei :) |
| Mit Chandu auf dem Weg zu den Mahendra Hills |
| On top of the hills: Ich, Chandu, Philipp |
| Hyderabad bei Nacht |
| Ubuntu genießt die Aussicht |
| Philipp wollte unbedingt meine "indischen" Füße zeigen ;) |
So und jetzt hoffe ich, dass Deutschland euch nicht zu kalt wird und schicke warme Grüße aus luftigen Gewändern ;)
Schon wieder soooo schöne Fotos... ich bin begeistert. Und zum Einkaufen würd ich schon gern mal vorbeikommen....;-)
AntwortenLöschenWarme Grüße sind ne gute Sache und ziemlich nötig ;-) Hier liegt derzeit eher der Nebel auf den Wiesen. Aber es ist trotzdem schön.
hab dich lieb :-*
Hallo Tanni,
AntwortenLöschenDu siehst sehr süß aus in deinem indischen dress :-) Beneidenswert, dass du dort barfuß herumlaufen kannst, während wir allmählich die Winterjacken auspacken!
Küsse
Mama, Papa und Hundis