So, es ist mal wieder so weit, Zeit für einen neuen Blogeintrag. Tut mir Leid, dass ihr schon wieder warten musstet, aber ich komme gerade nicht einmal dazu, meine Mails zu checken. In letzter Zeit waren so viele Aktionen und es sind so viele Dinge passiert, dass ich kaum zuhause gewesen bin.
Aber fangen wir von vorne an.
Als kleine Bitte vorher: ich habe eine neue Seite auf diesem Blog, die ich euch als LeserInnen ans Herz legen würde. Schaut einfach mal kurz rein!
Am 14.11 war Internationaler Tag der Kinder und im Rahmen dieses Tages sind natürlich überall verschiedene Aktionen gestartet.
Gleichzeitig hat der Verein "moving images" hier in Hyderabad ein 5-tägiges Festival vom 11-16. November gehalten, zu Ehren des vor 150 Jahren geborenen indischen Künstlers Abanindranath Tagore aus Kolkata... ein sehr interessanter Mann übrigens- ist es wert, dass man sich mit ihm beschäftigt. Eines meiner Lieblingszitate von ihm ist: „Die bedeutendste aller Tatsachen des gegenwärtigen Zeitalters ist, dass sich der Osten und der Westen begegnet sind.“
Aus dieser Stadt kam dann auch eine ganz wunderbare ältere Dame, die seine Kunst in größeren Formaten reproduziert und eine der führenden Spezialistinnen in Tagores Kunst ist. Sie, der Verein und diverse NGOs haben dann mit uns als Handlanger für alles Stressige zwei Aktionen gestartet: einmal das Bemalen einer Tempelwand von Kinder, die unter anderem auch HIV infiziert waren (was hier in Indien meist absolute soziale Ausgrenzung bedeutet) und das Bemalen einer Schulmauer durch die Schüler selbst.
Die Künstlerin hat dann Anweisungen gegeben und den Kindern geholfen und wir haben alles übrige gemacht: organisiert, Farben verteilt, Essen besorgt, alle möglichen Utensilien besorgt, in der prallen Sonne stehen und innerlich fluchen ... ;-)
| Kunst wird in indischen Schulen leider kaum ernst genommen oder gefördert... |
| wieviele Picassos oder Goethes dadurch wohl für immer unentdeckt bleiben? |
| indische Mädchen... "Mam why you have white hair?" |
| Die Künstlerin aus Kolkata, eine weitere Künstlerin aus Hyderabad und die Organisatorin (v.l) |
Die werte Künstlerin, deren Name zu lang war, um ihn sich zu merken, sprach diverse Sprachen, aber vorallem Französisch (und irgendwie war sie auch einfach eine französische grand-mère) und umso glücklicher war sie, als sie herausfand, dass ich Französisch sprechen kann. Eine irgendwie verstörende Erfahrung, Französisch in Indien zu sprechen. Diese Aktionen waren anstregend, aber auch sehr schön.
Danach waren wir zwar farbverklebt, sonnenverbrannt und hungrig wie Wölfe, aber wir hatten zwei große ganze bunte Wände! Und wir waren auch mal wieder im eigentlichen Hyderabad unterwegs, hatten einen Kaffee morgens früh, während wir die Charminar vom Café aus angucken konnten.
Des Weiteren haben wir auch an anderen Aktionen des Festivals teilgenommen, u.A. an einer Ausstellung in einer Kunstgallerie, die darin geende hat, dass wir von uns unbekannten, aber offensichtlich sehr reichen Indern zum Essen eingeladen wurden. Hinter der Gallerie lag das Wohnhaus der Frau, die die Besitzerin ist und in ihrem sorgfältig gepflegten Garten war ein köstliches Buffet aufgebaut :-)
Schon merkwürdig, ein ganz anderes Indien, was einem in den Villen und Landschaftsgärten begegnet. Wir haben allein zwei Inder getroffen, die schonmal in Deutschland waren, einer konnte es sogar recht gut sprechen, der andere kam vor zwei Tagen aus Frankfurt wieder, alle sprachen perfektes Englisch und dann haben wir uns plötzlich über osteuropäische Wirtschaftspolitik unterhalten und ich dachte mir, ich bin im falschen Film, mit meinem Weinglas in der Hand... aber viele dieser Inder waren sehr sozial engagiert und keinesfalls nur abgehoben. Diesen Abend habe ich auch das erste Mal etwas über social entrepreneurship gelernt, war doch sehr interessant. Aber das beste war: es gab "german potatoe salad"!! ;-)
Und dann muss ich natürlich noch meinen zweiten Blogtitel erklären: Einen Tag später waren wir bei einem Theaterstück, das Tagore geschrieben hat und das der Regisseur mit der wahren Geschichte eines polnischen Arztes im zweiten Weltkrieg kombiniert hat. Eine spannende Kombination, die uns in Englisch und Hindi gemischt und mit drei deutschen Sätzen präsentiert wurde. Die Grammatik war weitestgehend korrekt und die Aussprache war auch nicht schlecht, wir waren beeindruckt :-)
Auch sehr spannend war, wie die völlig unterschiedlichen Stücke - die, eines todkranken indischen Jungens, der in seinem Zimmer liegt und träumt und die des jüdischen Arztes, der um das Leben seiner Waisenkinder bangt und mit ihnen im KZ endet - kombiniert worden sind.
Dann war da natürlich noch Chandus Hauszeremonie, um die neuen Wohnungen, die seine Eltern auf das eigentliche Flachdachhaus aufgebaut haben, einzuweihen.
Die Zeremonie war sehr schön, da der Hindupriester uns viel erklären konnte, weil sein Englisch sehr gut war. Ich glaube er hat sich gefreut, dass wir als Fremde so viel Interesse an seiner Kultur und Religion zeigen, er war ein sehr netter Mann!
| Zeremonie vorm Haustor - mitten in der Nacht! |
| Hausfront, festlich geschmückt für die Zeremonie |
Leider hat das ganze um 4 Uhr nachts schon angefangen, so dass ich gegen 3 aufstehen musste und nach dem anfänglichen Kürbiszerschlagen vor dem Haustor so gegen 6 Uhr auf irgendwems Bett eingeschlafen bin. Dann gab es natürlich später mit all den Gästen noch eine große Puja, bei der wir alle Kokosnüsse zerschlagen haben, Bindis bekommen haben und natürlich die roten Wunschbändchen ums Handgelenk.
| Chandus Eltern während der Puja am neuen Hausschrein |
| Schöne Sauerei, diese Kokosnüsse! |
| Müde, aber glücklich (und sehr heilig ;-)): Lindsay und ich |
Danach haben wir alle unsere Geschenke an die Familie überreicht (wobei man nochmal einen Bindi bekommt... ständig wird man mit Kumkum betupft ;-)) und am Ende des Tages haben Lindsay und ich sogar selber welche bekommen! Wunderschönes, besticktes Dressmaterial in rostbraun und schwarz, dass ich noch zum Schneider bringen muss. Und dann gab's natürlich auch noch Essen über Essen- Reis, Pappad, gebratenes Gemüse, alle Arten von Curry und Chutney, mit Honig gesüßte Milchteigbällchen, Vanillepudding, butter scotch Eis, Früchte, diverse merkwürdige indische Süßigkeiten, Chai-Tee und alles - ich liebe Indien - "selbstverständlich" rein vegetarisch. Ich habe VIEL ZU VIEL gegessen, mal wieder :-)
Chandus Familie ist für unser Verständnis sehr altmodisch, aber sie alle sind unheimlich gastfreundliche, liebenswerte Menschen. Sie sind das, was man Indiens Mittleklasse nennt, gleichzeitig sind ihre Wohnverhältnisse für den Standart der deutschen Durchschnitts-Mittelklasse gar nicht zu erwägen. Indische Mittelklasse heißt, nicht arm zu sein ohne reich zu sein, nicht viel mehr.
Auch das gesellschaftliche Denken ist hier ganz anders... Ich möchte nicht darüber urteilen, da dieses Denken hier ganz üblich ist und alles seine Gründe hat. Aber verständlich, dass ihre Kinder, die ähnlich wie wir sind, ganz anders denken und in die Welt hinaus wollen, oft im starken Konflikt mit ihren Eltern stehen. Viele von ihnen lassen sich am Ende doch von ihren Eltern verheiraten... ich sollte besser aufhören, bevor ich mich noch mehr darüber aufrege, wie man sich sein Leben nur so verbauen lassen kann ;-)
| Chandu, sein Vater Ramarao, seine Mutter Lakshmi und sein kleiner Bruder Vinod - festlich gekleidet natürlich |
Da seine Mutter nur Söhne hat und nach der großen Party das ganze Haus natürlich aussah wie Sau, bin ich den nächsten Tag noch bei ihnen geblieben, um der guten Frau beim Putzen zu helfen... die Männer haben sich da dezent rausgehalten oder nur die groben, schweren Sachen geräumt.
War schon interessant, mal eine indische Tochter zu sein und ganz authentisch zu leben. Aber auch komisch und auf eine unheimliche Art und Weise befremdlich. Die Frauen hier haben es schon nicht einfach, hab ich mir so gedacht... das Leben für sie ist so viel anstrengender, als ich es je in meinem Leben erlebt habe. Es ist nicht so, als ob sie nichts zu sagen hätten, diese Frauen wissen schon ganz genau was sie wollen, nur meist haben sie auch gar nicht die nötige Bildung und auch kein Einkommen, als dass sie über mehr als Haus und Hof entscheiden könnten - sie sind abhängig.
Ob ich wohl auf Dauer in einer indischen Familie leben könnte? (Wie wäre es wohl, wenn ich in eine Gatsfamilie gekommen wäre?)
Diese Lebensweise macht einen sehr dankbar und zufrieden, es ist simpel, aber erfüllend, schön. Nur immer in dieser untergeordneten Rolle zu leben und dass Leute deine Arbeit für selbstverständlich halten, das stell ich mir in langer Sicht als durchaus nervig vor. Außerdem machen sich die Leute hier - meiner Meinung nach - unnötig unglücklich mit ihrem restriktiven Kastendenken und ihrem Tabudenken, wodurch ihnen der Schritt zu Bildung und Aufklärung und damit auch die Möglichkeit sich selber aus Konflikten zu lösen, verwehrt bleibt. Wenn man diese urige Lebensweise mit einem aufgeschlosseneren Denken kombinieren würde, dann könnte ich auch in einer indischen Familie leben ;-)
Eine schöne Erfahrung war es aber auf jeden Fall! Chandus Mutter hat sich jedenfalls so über meinen Einsatz gefreut, dass sie mich mit einem indischen Kuss verabschiedet hat - das sieht man Leute recht oft mit kleinen Kindern machen: sie greifen dir an die Wange, so wie die klassische Oma das tun würde und dann küssen sie ihre eigene Hand, bzw. die Finger, die dich eben berührt haben.
Die Nachbaren haben sich glaub ich ziemlich gewundert... "weiße Putzfrauen, so was gibt es?!" :D
Dann waren wir am Sonntag danach noch auf Golconda-Fort, einer alten muslimischen Festung, aus der heraus Hyderabad entstanden ist. Dort gab es eine einmalige Tanzaktion, der man kostenlos beiwohnen konnte und die vom amerikanischen Konsulat, und damit auch von einer Freundin Lindsays, gesponsort wurde.
Es war so eine Art Ballet an und auf Mauern, zu guter, rythmischer Musik, das ganze war sehr kraftvoll und in der Nachmitagssonne sehr schön anzusehen!
Aber vorher sind wir noch gemütlich durch die Anlage spaziert, haben uns die wunderschönen Kalifen- und Königinnengräber angeschaut und dann vor einem der Monumente gemütlich gebruncht :-)
Lindsay hat "eggy bread" (so eine Art Eisandwhich mit Mayonnaise, eigentlich kommt noch Kresse drauf, aber die findet hier keiner) gemacht, dazu gab's Samosa, Kaju barfi (Cashew fudge... eine süße klebrige Masse aus Cashew-Nüssen mit essbarer Silberfolie drauf), Äpfel und Salat (naja, indischer Salat = geschnittenes Gemüse, haupstächlich Zwiebeln :-)).
Schön war auch, dass Lindsays Fahrer Jaffar und seine Frau Roxana mitgekommen sind. Die beiden sind unheimlich schüchtern, aber sehr süß!
| Picknick! |
| Unsere bunt gewürfelte Gruppe beim Mittagessen |
Die Grabmäler sind wunderschön... ganz anders, als alles, was ich so kenne, runde Bögen, verzierte, geschwungene Rahmen, Zwiebeltürme, auf denen schon kleine Bäume wachsen... ein ruhiger, friedlicher Ort.
| Dieses Erbe hat Hyderabad seinen muslimischen Ahnen zu verdanken |
| Lindsay, Philipp, Harish, Chandu und ich |
| Überreste majestätischer Schönheit |
| Ich bin eine Öllampe! ... Quatschbilder halt :-) |
| tadaa! |
Viele liebe Grüße aus dem Sonnenland,
eure Tanni
Wunderschöne Bilder hast du gemacht, sie machen mich ganz neidisch... mal wieder!
AntwortenLöschenNeidisch bin ich auch auf das Wetter bei dir drüben, du kannst ja richtig kurzärmelig rumlaufen! Hier fällt schon Schnee...
Kuss
So tolle Bilder *_* Ich würd so gern mal gucken kommen... hach ja... ich mag am liebsten das Bild mit dir und den vielen indischen Mädchen... und der Punkt auf der Stirn ist cool. Wenn wir mal indisch kochen wenn du da bist, müssen wir uns auch so einen aufkleben muhaha. Du fehlst mir :-*
AntwortenLöschenDu fehlst uns auch... Weihnachten ohne dich wird dööf ! Die kleinen indischen Mädchen mit dir sehen wirklich zu süß aus , aber du auch :-)
AntwortenLöschenKuss Mume
Chapeau!
AntwortenLöschenImpressionen pur - in Wort und Bild, die formen und praegen.
Auch die "kleine" Wehmut darin rundet stark ab.
Lieber Gruss
Juergen