14. Oktober 2010

Einen Monat mit Reis und Rickshaw

Jetzt ist schon wieder so viel passiert und ich komme mit dem Schreiben mal wieder kaum hinterher.
Wo fange ich dann an?
Am besten von ganz vorne :) 
Am 5. Oktober ist Freya, unsere ehemalige Mitbewohnerin, zurück nach England geflogen und ihr indischer Freund, Harish, ist ebenfalls ausgezogen. 

Freya

Lindsay und Harish

Damit ist ein Zimmer frei geworden, in das ich eingezogen bin. Jetzt habe ich ein eigenes Zimmer, mit viiiiiel Stauraum und einem eigenem Bad, juhu :)
Allerdings hat es mich zwei Tage harte Arbeit und Überwindung gekostet, dieses verdreckte Etwas zu einem Zimmer zu machen! Danach dachte ich, für immer nach Putzmittel zu riechen, aber ich hatte Erfolg.
Freya hat sich zum Abschied übrigens mit Henna bemalen lassen, die Chance hab ich natürlich gleich genutzt, um Sandhya zu bitten, mir auch etwas auf die Hand zu malen, wenigstens was Kleines ;)
Übrigens nennt man das hier nicht Henna, sondern Mehendi.


Am Handgelenk natürlich die obligatorischen "Bangels" ;)
Später war dann doch die ganze Hand dran - im Hintergrund mein gigantisches indisches Nachthemd ;) Das ist übrigens meine linke Hand, die Innenseite
Desweiteren sind nicht nur Freya und Harish verschwunden, sondern auch unser Gasvorrat, mit dem wir gerade begonnen hatten, selber zu kochen. Zum Glück haben wir bald eine kleine Ersatzflasche gefunden, es gibt nämlich gerade eine Lieferknappheit und sämtliche Bestechungsversuche haben uns auch nicht weitergeholfen.

Ansonsten lerne ich fleißig indisches Kochen, habe neulich meine ersten eigenen Chapati (Brotfladen) gemacht – mit Philipps Hilfe im Teig ausrollen und Chandus Beistand im Rösten – außerdem hab ich erklärt bekommen, wie man beim Currykochen vorgeht ( Curry ist nicht eine Gewürzmischung, wie wir es in Deutschland nennen, Curry nennt man die Beilage zum Reis oder Brot, manchmal ist es eher flüssig, manchmal eher dick, je nachdem was für Gemüse man benutzt und wie sehr man es einkocht), hier brät man nämlich zuerst die Gewürze an, aber auch nicht alle... ist ganz schön trickreich. Und natürlich sind die meisten Zutaten hier ziemlich anders, ich weiß nicht mal die deutschen Begriffe von ihnen ;) Was immer gleich bleibt sind Kartoffeln, Tomaten und grüne Paprika, was man recht oft findet. Und Zwiebeln und Knoblauch natürlich- Zwiebeln werden hier oft vor dem Essen mit Salz und Limettensaft beträufelt und roh gegessen – love it!
Karotten gibt’s hier auch, die isst man aber oft süß und angebraten als Dessert, auch echt lecker. Ich liebe eigentlich alles Essen hier, habe noch nichts gefunden, was ich überhaupt nicht mag. Alles vegetarisch und super aromatisch – perfekt :)

Arbeitsmäßig haben wir immer wieder eher kleine Projekte am Laufen und sind ansonsten gerade dabei, einen neuen Plan für das Children's Parliament zu entwickeln, um es dem eigentlichen Level der Kinder anzupassen. Das Ziel des Jahresplan ist es, die Kinder so weit zu bringen, dass im Stande sind, Probleme selber anzugehen und zu bearbeiten, nach dem Vorbild des Children's Parliament, das in Chennai gestartet hat.




Diese Kindergruppe hat Probleme ihrer Gemeinde erkannt (z.B. keine Straßenlichter) und mit Fotos, Berichten, Beschwerden, Bildern und sanftem Nachdruck es erreicht, dass die Regierung tatsächlich aktiv geworden ist und da die Kinder ein gutes Recht auf Straßenlichter in ihrem Viertel haben, wurde es auch umgesetzt.
Etwas ähnliches ist auch hier geplant, aber die Kinder dazu zu bringen, ist noch ein langer Weg!
Ansonste begleiten wir die verschiedene Schulgruppen auf ihren Ausflügen, um die Lehrer betreuungsmäßig zu unterstützen, aber vor allem auch, um Berichte zu verfassen und zu dokumentieren – mit unseren Kameras. Bhumi muss dringend mehr über seine Arbeit berichten und braucht dafür Leute, die fit in solchen Sachen sind. Ich habe unter anderem Fotos gemacht von dem Ausflug der 10. Klasse der Govt. High School in Rasoolpura zum Meteorologischen Department Hyderabads, sowie von zwei Frauenselbsthilfegruppen, die einen Mikrokredit aufgenommen haben, als auch von einer Sitzung mehrerer lokaler NGOs, die ähnlich wie Bhumi in Rasoolpura arbeiten und eine Art Hilfsplattform gründen wollen und vom neu organisierten Aufklärungsunterricht, den die meisten Erwachsenen hier dringen benötigen. 

Mit der zehnten Klasse, Philipp, Ajay, Sandhya und mir im meterologischen Center

Unterricht auf der Wetterstation
Unterschreiben für Bhumi auf der lokalen NGO-Sitzung

Aufklärung im Bhumi Center für Frauen
 
Ansonsten haben wir neulich das erste Mal einem sogenannten „personal growth meeting“ beigewohnt, einer Art philosophischer Diskussionsrunde, wo bestimmte Fragen anhand alltäglicher Beispiele diskutiert werden. Jeder kann seine persönlichen Gedanken und Eindrücke mitbringen und sie mit den anderen Bhumi Leuten teilen, eigentlich eine ganz nette Idee und zum Glück völlig ungezwungen. Wenn man gerade nicht reden will, kann man auch nur zuhören. Und der Leiter der Diskussion hat ein Buch, in dem er alle Fragen notiert, sodass man jede Sitzung irgendwie verfolgen kann, was sehr interessant ist.
Nur leider immer etwa spät, das Treffen. Philipp muss dann immer im Dunkeln nach hause radeln und ich hab eine schwere Zeit, eine Rickshaw im Abendverkehr zu finden, die mich nicht völlig abzieht.

Rasoolpura, vom Klassenzimmer aus fotografiert, im Hintergrund eine der vielen Moscheen
Rasoolpura bei Nacht hat etwas sehr faszinierendes, irgendwie. Weil die Leute hier auf den Straßen leben, weil man alles beobachten kann, in ihre Leben sehen kann.
In der engen Straße vor dem Office sitzt immer eine kleine, alte Frau, Freya erzählte mir, sie sei 103 Jahre alt, sie sitzt den ganzen Tag auf ihrer Steinbank vor ihrem Haus und jedes Mal, wenn wir vorbeikommen, reicht sie mir die Hand und lässt sie gar nicht mehr los, irgendetwas auf Telugu sprechend, ein absolut liebreizendes Lächeln, indem sie ihren letzten Zahn präsentiert.
Sie ist großartig. Abends, so gegen 6 Uhr, geht sie dann in ihr Haus zurück, auf einen großen schweren Stock gestützt, eine halbe Stunde braucht sie für die ein einhalb Meter, Schritt für Schritt, mit bedächtigen Pausen dazwischen, in ihren leuchtendem Sari.
Momentan hängt das Office voll mit kleinen leuchtenden Glühbirnen, als Zierde, für Diwali, das erst Anfang November sein wird.
Gegenüber kann man quasi komplett ins „Haus“ gucken. Darin leben so viele Leute, dass man irgendwie nicht sagen kann, ob das eine oder mehrere Familien sind und wer zusammen gehört. Selbst wenn man hier durch die Straßen geht, sind alle Türen offen, sodass man von den schmalen Betonfurchen, durch die man läuft, direkt in jede Wohnung blicken kann. Von einem Fenster ins nächste, meist blickt man in ein großes Lager am Boden, aus dem einem etliche Kinder neugierig angucken, Straßenhunde dösen im Schatten davor.
Vom Mittelbalkon des Office aus sieht man die Wassertonne, die quasi das Bad der Familien gegenüber ist. Schräg gegenüber kann man in die Küche sehen, ordentlich aufgereihtes Blechgeschirr, die Frau, eine von vielen, von denen ich nicht ausmachen kann, ob sie Tochter, Ehefrau oder irgendeine Tante ist, steht im Dampf, dreht irgendwas im Topf und sieht dabei sehr souverän aus. Gegen 6 oder 7 Uhr verrät das laute Zischen aus der Alupfanne, dass ein Curry im Entstehen ist, die Straßen werden erfüllt von einer Mischung aus gebratenen Gewürzen, Kloake und dem Duft von frischen Brotfladen.
Immer wieder laufen rufende Männer vorbei, deren monotones Wiederholen etwas animalisches aus ihrer Stimme macht, von der Ferne klingt es wie das überlaute Rufen einer Ziege oder eines Schafes, sie haben alles mögliche auf ihren überladenen Drahteseln dabei und was immer es auch ist, sie rufen seinen Namen, den ganzen Tag lang. Gemüse, Stofftücher, Chai, Eiscreme, Plastikeimer, Samosa oder andere Snacks, es gibt sie in allen Varianten und sie ziehen durch die schmalen Straßen und verkaufen alles mögliche an den Haustüren.
Die Kinder spielen auf den Straßen, jetzt, wo es ihre freie Zeit ist, in der Dämmerung, bis sie zum Essen gerufen werden. Viele der Kinder stehen auf den hohen Flachdächern und lassen ihre aus Plastikmüll und Fäden selbst gebastelten Drachen steigen, hoch oben über dem wirren Dächerwald des Slums, aus dem ab und zu mal ein toter Baum ragt, während der Muezzin seine Rufe macht, fünf Mal am Tag, blechern und laut.
Jeden Tag, jede Nacht derselbe Rhythmus. Immer wieder.
Bevor ich gekommen bin und auch nach mir noch.
Das Leben hier ist so paradox, elend und wunderschön zugleich.


Momentan wird das Navrathifestival gefeiert, zu Ehren der Göttin Durga (die schwer Durschaubare, Sinnbild der Göttin schlechthin), die man daran erkennt, dass sie den blutigen Kopf eines Mannes in ihrer rechten Hand hält ;)
Sie sitzt auf einem Tiger oder einem Löwen und hat zehn Arme, in denen sie hauptsächlich Waffen und ein Schild hält. Der Legende nach hat sie die Waffen von Shiva, Vishnu und sämtlichen Himmlischen überreicht bekommen, um einen Dämon zu besiegen. Dieser Dämon war zuvor ein großer Herrscher und hatte sich durch Askese und Ehrerbietung bei Brahma gewünscht, dass nur eine Frau ihn besiegen kann, weil er davon ausging, dass eine Frau ihn niemals töten könne. Mit der Zeit wurde er dann aber immer machtgieriger und willkürlicher und die Götter sahen das nicht gerne, waren aber in ihrer Männlichkeit machtlos, ihn zu stoppen. Aber aus ihrem Zorn und ihren Körpern formte sich ein neues Wesen, das die Gestalt einer wunderschönen Frau annahm – sie bekam alle Waffen der Götter überreicht und besiegte den böse gewordenen Herrscher und seine gesamte Armee alleine.

Durga besiegt den Dämon mit ihren himmlischen Waffen
In einer der hinduistischen Schriften steht über sie geschrieben: „überirdisch strahlend, ihr unermesslicher Glanz durchdrang die drei Welten, ihre Füße bogen die Erde und ihre Krone berührte den Himmel. Mit ihren tausend Armen durchdrang sie das Universum. Schließlich zog die Göttin mit laut brüllendem Lachen in den Kampf, die Berge schwankten, das Universum bebte und die Meere traten über die Ufer.“ - sie ist sehr populär und jedes Kind kennt sie hier.

Vor dem Tanzen kann man sich - gegen eine kleine Spende versteht sich - den Segen der wilden Göttin holen
Ihr zu Ehren wird sieben Tage lang gefeiert und Teil dieser Feiern sind das allabendliche ekstatische Tanzen mit kurzen Bambusstöcken – genannt Dandiya (erinnert mich etwas an den philippinischen Stockkampf Escrima).
Vorgestern haben Philipp und ich daran Teil genommen, es war wunderschön! Inder sind ein sehr tänzerisches Volk, die Menschen hier haben Rhythmus, selbst die ganz kleinen Kinder, behangen mit schweren langen Röcken, Klimperkram, Schellen, Armreifen die ganzen Arme entlang, Fußketten, Farbpulver... filigrane, anmutige Schritte, Männer wie Frauen drehen die Hände, bewegen die Hüften, schnell, rhythmisch, langsam und präzise, die Frauen zeigen selbstbewusst Bauch und Rücken, die Lider halb gesenkt, schwitzend in der großen Menge, staubig vom Sand, auf dem man barfuß läuft, nicht mehr präsent.






Man tanzt zu zweit, in langen Reihen, in Kreisen, mit und ohne Stöcke, man bewegt sich in der Masse quer über den ganzen Platz, zu lauter, von Trommeln dominierter Musik, man vergisst sich selbst. Es wird nicht getanzt, um gesehen zu werden, sondern um zu tanzen, nicht um zu beeindrucken, sondern um in sich zu versinken, die Leute tanzen ihre Lebensfreude, sie schmeißen Arme, Beine, alles, was sie haben, egal, wie es aussehen mag, manche sind präzise, ruhig, gehen ihre Schritte, schwungvoll, wuchtig, im Rhythmus der Trommeln, ein Gesicht wie in der Meditation, entspannt, andere verausgaben sich völlig.
Am Ende hatte irgendjemand in der Organisation des Festivals über einen unserer Begleiter erfahren, dass wir auch da sind, als einzige Weiße offensichtlich und wir wurden auf die Bühne gerufen. Es gab eine Preisverleihung für das beste Tanzpaar, Freunde von uns, mit denen wir unterwegs waren. Das Mädchen ist meine Schneiderin in Rasoolpura und sie sah umwerfend schön aus!


Paartanz

im kleinen Kreis, zum Üben ;)

traditionell gekleidet

Wir haben dann so eine Art „Ehrenpreis“ bekommen, nach dem wir demonstrieren mussten, was wir gelernt hatten ;) Ein Spruchband der Göttin und eine lange Halskette, wie man sie hier bei Gebeten manchmal trägt.
Zuvor hatte uns Ajay Kumar, Englischlehrer bei Bhumi zu sich nach hause eingeladen, zu seinem zuckersüßen Sohn Amar und seiner großartigen Frau Archana, die selber Gründerin einer NGO für Kinderrechte ist. Ich hatte das beste vegetarische Biryani meines Lebens :)

Philipp, Amar, Ajay & ich

Danach hatten wir eine äußerst lustige Rückfahrt mit Feroze, einem Muslime, der das Konzept des Children's Parliament ausgearbeitet hat, und der vor einer Woche erst Auto fahren gelernt hat und zudem noch größenteils nachtblind ist ;-D  
Aber wir sind trotzdem heil angekommen („Feroze, left, left, KEEP LEFT! Do not cross the line!!“) - Leute fahren auch gerne einfach trotzdem mal rechts und im Gegenverkehr, dann weicht man halt einfach mal kurz aus ... von wegen die durchgezogene Linie ist wie eine Mauer ;)

Ach ja – das letzte Wochenende davor, war ich mit Lindsay shoppen und die großen Bazaars und Läden hier angucken. Es war wunderschön und ich habe sehr tolles gold-blaues Dressmaterial für einen Ausgeh-Salwar gefunden und dann noch ein wirklich wunderschönen ready-made Salwar-Kameez in dunkelpink und grünblau, den ich an Diwali das erste Mal tragen werde (bis dahin: keine Fotos ;-) ).
Es gibt hier nämlich die Tradition, dass man zu Diwali etwas neues zum Anziehen trägt und zudem ist es ein sehr traditionelles, offizielles Fest, ein bisschen wie unser Weihnachten und Silvester zusammen. Überall sind dann Lichter und Feuerwerk, es wird viel gegessen und natürlich auch eine Puja (hinduistische Gebetszeremonie) gehalten. Wir werden all das in der Familie eines Freundes mitmachen dürfen, darauf freue ich mich jetzt schon.

Des Weiteren ist ein Trip nach Mumbai geplant, wir fahren mit Freunden, die geschäftlich dort sind vom 21 Oktober sechs Tage dorthin, um die „eigentliche Hauptstadt“ Indiens auszuchecken... Mumbai underworld :D Wird bestimmt schön und spannend!
Zudem ist an meinem Geburtstag ein Ein-Tages-Trip nach Sri Sailam geplant - „Lord Shiva's Place“. Dort kann ich dann auch einen Shiva für meinen kleinen Hindu- Hausschrein bekommen :)

So, und jetzt muss ich mal den Reis aufsetzen, da ich hier meist doch die Kochverantwortliche bin (oder gerne wäre... wenn ich irgendwann mal gut genug bin, ohne Hilfe echt indisch zu kochen ;-) ).

Dann mal viele liebe Grüße aus dem sonnigen Hyderabad,
eure Tanni

3. Oktober 2010

15 Tage Indien

Jetzt sind wir schon über zwei Wochen in Hyderabad und die Zeit verfliegt wie immer so schnell, dass ich kaum Blog schreibe oder Mails beantworte. Tut mir Leid, wenn jemand noch warten muss, aber Sorgen braucht ihr euch keine zu machen :)  
Wir erleben hier jeden Tag so viel, dass ich mit dem Erzählen gar nicht mehr hinterher komme.
Die letzten Tage waren mehr von Freizeiterlebnissen geprägt, aber auch von einigen wichtigen Sachen, die unsere Arbeit hier betrifft.
Anfang der Woche hatten wir ein Treffen mit dem ehemals zuständigen Koordinator für das Children's Parliament, der auch den Plan dafür entwickelt hat und haben mit ihm darüber gesprochen, wie wir eigentlich helfen können. Das Children's Parliament ist eine Gruppe von Kindern und Jugendlichen, die wie in einem Parlament demokratisch und mit zuständigen „Ministern“ arbeiten, in der Theorie geht es besonders darum, eine Sensibilität dafür zu entwickeln, dass jeder am Aufbau und der Verbesserung des Landes teilnehmen kann, wie man über zuständige Behörden agieren kann, wie man Beschwerden verfasst oder Beweise aufnimmt, wie man Probleme erkennt und behandelt, welche Rechte man auch als Kind hat und wie man darauf bestehen kann... eigentlich ein sehr guter Ansatz! Das Problem ist bloß, dass viele der Kinder in der Gruppe noch viel zu klein sind für derart anspruchsvolles Training und die drei älteren Mädchen langweilen sich natürlich schnell, wenn man alles etwas herunterschraubt. Wir versuchen jetzt also, möglichst viel mit den Kindern in Spielform zu machen und vermitteln weniger Inhalt.

Prithi & Svathi, zwei ganz schön fesche Mädels vom CP

Der eigentliche Aspekt ist aber, dass wir Sandhya, die aus der Gegend kommt, die Kinder kennt und ihre Sprache – Telugu – spricht, unterrichten. Wir sollten ihr vermitteln, wie sie Unterricht pädagogisch aufbaut und wie sie Spiele entwickeln kann und gleichzeitig müssen wir ihr den Inhalt des Plans erklären, weil ihr Englisch nicht gut genug ist und sie von Politik nicht sehr viel weiß.

Freya & Sandhya
 Das ist eine recht schwierige Aufgabe, auch wenn es gerade nur recht wenig ist, immerhin ist das Children's Parliament immer nur sonntags. Die Vorbereitung braucht allerdings immer etwa sund wir müssen uns dafür zweimal die Woche mit Sandhya treffen, in Zukunft vielleicht eher noch mehr.  
Des Weiteren wurden wir gebeten, am DnE-Programm mitzumachen, eine wirklich sehr tolles Mentorenprogramm, in dem junge indische Studenten und Studentinnen mit den Kindern aus Rasoolpura zusammen kommen. Jeden Sonntag morgen gibt es gemeinsame Aktivitäten, die das Zusammensein und die persönliche Entwicklung fördert, bei den Kindern, sowie bei den Mentoren. Zudem gibt es noch zusätzliche workshops für die Mentoren, um ihre Fähigkeiten als Betreuer zu schulen. Sie sind außerhalb von Familie und Bekanntenkreis immer für ihren „mentee“ da.
Wie genau wir daran teilnehmen sollen, ist noch unklar. Wir waren bis jetzt öfters bei den Aktionen dabei und haben auch mitgespielt, was jedes Mal sehr lustig für uns war und auch praktisch, weil wir so junge, aufgeschlossene Inder und Inderinnen in unserem Alter kennen lernen können.
Aber selber Mentoren zu werden ist eigentlich nicht machbar, wir sprechen kein Telugu und die meisten Kinder finden uns doch noch sehr gruselig ;)
Sravanthi, die zuständige für das DnE-Programm macht das wirklich unheimlich gut, alle Programme hier sind super durchdacht und haben guten Ziele und Pläne.
Es mangelt nur noch etwas an der Effektivität, bei den meisten Programmen jedenfalls. Indisches Chaos ist irgendwie nie ganz zu vermeiden ;)

Sravanthi, die meint, nicht fotogen zu sein :)

Ansonsten gehen wir natürlich ganz brav jeden Samstag morgen zum Bhumi Staff Meeting und versuchen so präsent wie möglich zu sein, wir sind also eigentlich seit 15 Tagen bis auf drei, wo wir aus Sicherheitsgründen nicht kommen sollten, immer hier gewesen.
Das sind die wichtigsten Leute für uns bei Bhumi:

Kadambini, auch Kadu genannt, die für den Lernbereich zuständig ist und sich gut um uns kümmert
Nayeem, der äußerst praktische Mann für alles hier im office - er hat unsere Simkarten besorgt und ist stets sehr nett und zuvorkommend
Iqbal, ein sehr moderner, aufgeschlossener Inder, der sich um Datenbanken und technische Dinge kümmert
Ajay, der Englisch unterrichtet, sich aber auch viel um die Organisation kümmert und der mich irgendwie an Gandhi erinnert... sein Kind wächst mit allen Religionen gleichzeitig auf und außerdem ist er der beste Yogaberater überhaupt
Razya, Herz und Seele von Bhumi, sie hat immer gute Laune und ist glaub ich so eine Art von Buchführerin
Meistens kommen wir so gegen 11 spätestens an, wir nehmen uns zwar immer vor Punkt 9 aufzustehen, aber das ist so eine Sache... mit Frühstück und Rickshawfahrt dauert es dann immer etwas, bis wir da sind.
Für die Fahrt müssen wir uns auch noch eine bessere Lösung einfallen lassen. Von der Kilometerzahl ist es ja gar nicht so weit weg, nur sind die Straßen scheußlich zum Fahren. Wir müssen auf die Hauptstraße und über das, was die Inder einen Fly-over nennen (so eine Art Straßenüberführung) und morgens um die Zeit ist es entsprechend voll dort.
Philipp will ja immer noch mit dem Fahrrad fahren, mir ist das nicht so ganz geheuer, ich weiß nicht, ob ich das auch machen will... am schlimmsten sind eigentlich gar nicht die ganzen Fahrzeuge, sondern der ganze Dreck. Nach einer harmlosen 5-Minuten-Rickshawfahrt kann man mit einem Taschentuch über irgendeine beliebig sichtbare Körperstelle fahren und das Tuch ist schwarz. Das erklärt auch die seltsame Erscheinung der meisten Inder auf oder in offenen Fahrzeugen, die mit bis auf die Augen Schals und Tüchern umwickelt (oder Frauen sogar in langen schweren Winterjacken, die ihre schönen Saris schützen sollen) durch die Gegend fahren.
Der Smog hier ist echt unfassbar. Selbst jetzt noch habe ich manchmal noch Probleme mit den Augen oder mit Schnupfen, wenn ich zu lange auf den Straßen hier unterwegs bin.
In den kleinen Straßen ist das kein Problem, aber der Gedanke jeden Tag zweimal durch diese unbarmherzige Hitze auf dem Fahrrad in vollem indischen Verkehr den Fly-over hoch zu radeln... ich weiß ja nicht.

So essen wir meist unser Lunch im Slum, irgendwo am Straßenrand :)
Vielleicht ziehen wir aber auch einfach näher an das Slum heran. Ob wir das „Guesthouse“ (das ja gar keins mehr ist) behalten werden, ist nämlich unklar.
Dieses schöne Haus in dem Stadtteil „East Maredpally“, gehört irgendjemandem in Amerika und Mujeeb, unser Chef, hatte es gemietet, um die vielen volunteers von Bhumi, sowie weitere Gäste und die Internetfirma eines Freundes dort unterzubringen.
Letztes Jahr haben die Freiwilligen also dort in einer sehr netten, kunterbunten WG in einem sehr schönen, sogar grünen und (bis auf die unheimlich lauten Straßenhunde) ruhigen Stadtteil gelebt. Wir hatten erwartet, dort auch unterzukommen, so wurde es uns zumindest erzählt.
Als wir ankamen, erfuhren wir dann, dass wir im Office mitten in Rasoolpura leben sollten und dass Bhumi das „Guesthouse“ aufgeben will. Wir sind trotzdem vorerst dorthin gezogen, bis wir eine bessere Lösung gefunden haben. Das das Haus so schön ist und die Leute so nett, würden wir gerne bleiben. Lindsay, Harish und Feya werden allerdings in Kürze ausziehen müssen, also haben wir das Problem, dass die Miete zu teuer für uns wird.
Eventuell können wir noch einen Mieter dazu holen, oder zwei und mit der Firma zusammen würden wir uns dann finanzieren können. Vernünftiger wäre allerdings, nur für uns zwei eine kleine Wohnung näher am Slum zu nehmen. Das wäre dann aber auch ziemlich nahe an der Mega-Hauptstraße und wahrscheinlich bei weitem nicht so schön und ruhig.
Gut zu wissen ist aber, dass Chandu, der Mitbesitzer dieser Firma und auch Harish und Leute von Bhumi uns helfen werden, etwas zu finden und einen guten Preis auszuhandeln, sollte es zum Umzug kommen.... Schade, dabei hatte ich mich gerade eingelebt!

Im Laufe der Woche waren wir dann mit Rahamad (der eigentlich nur Ali genannt wird), Raza, Imran und Uttam, unseren muslimischen Freunden aus der Mentorengruppe im Kino in einem brandneuen Bollywoodfilm und Billiard spielen habe ich danach auch noch gelernt :)
Philipp und Ali 
 Der Film hatte eine sehr süße Geschichte, war nachdenklich, sehr lustig, kam mit wenigen aber guten Tanzeinlagen daher und hatte eine schöne, energetische Filmmusik. Ganz schön sehenswert, was das moderne indische Kino so liefert, wenn es sich mal Mühe gibt ;)
Ich glaube der Film hieß: Anjaana, Anjaani (ungefähr: Zwei Fremde) und man konnte ihm gut folgen, obwohl er auf Hindi war. Ein paar Wörter habe ich sogar schon verstanden.
Philipp und ich gucken uns gerade nach Hindikursen in der Stadt um, es ist allerdings etwas umständlich Englisch → Hindi zu finden, meist gibt es die eher andersherum.
Heute abend planen wir mit der WG ins kleine Kino um die Ecke zu gehen, das dann allerdings mehr um mal indische Kinobesucher zu erleben, als wirklich den Film zu sehen ;)

Ansonsten sind wir nun endlich legale Bewohner Indiens, unsere Registrierung hat einen Tag vor dem Ablaufen unserer Frist ohne Probleme funktioniert, trotz mürrischer alter indischer Beamter, die ihre Stifte nicht herausrücken wollten und trotz langer Anfahrten in kaputt gehenden Rickshaws :)
Heute morgen ist - mal wieder - etwas komisches passiert: Ein Mann hielt neben uns an und redete mit Philipp, ehe ich mich versehen hatte, ist der eingestiegen und gab mir zu verstehen, dass der Herr uns wohl irgendwohin mitnimmt. Ich wollte zwar noch protestieren, bin dann aber mit rein und dann meinte der Mann, er sei Christ, auf dem Weg zu seiner Kirche und er würde uns ein Stückchen mitnehmen. Auf diese Art und Weise hat uns die Rickshawfahrt nur 20 Rupien gekostet.
Wenn man hier weiß ist, wird man öfters mal von indischen Christen angesprochen, weil sie grundsätzlich denken, man sei auch einer – das ist uns jetzt schon mehrmals passiert.
Meist sind die Christen hier aber irgendwie gruselig (missionarisch und so)... um nicht zu sagen, fehl am Platz.
Das indisch praktizierte Christentum ist aber auch wirklich eine Sache für sich. Die modernen Kirchen sind betont altmodischen Stils, sehen aber aus wie aus Plastik und neigen dazu, pastellrosa gestrichen zu sein, dazu kommt, dass die ganzen Maria- und Jesusfiguren so bunt sind, dass sie eher an Ganeshas und Lakshmis erinnern und es kann auch schon mal passieren, dass nicht Maria das Kind hält, sondern der große Jesus sich selbst als kleines Baby- und natürlich hat er dabei einen Vollbart und merkwürdig leuchtend blaue Augen ;)

Heute auf dem Rückweg vom lunch haben übrigens einige Kinder auf der Straße und in einer alten Garage Cricket gespielt. Philipp wurde natürlich sofort dazu eingeladen und hat ein bisschen mitgespielt.

Philipp lässt sich Cricket auf der Straße beibringen

Ich stand ungeduldig in der Sonne daneben und um mich herum haben sich dann weitere Frauen versammelt.
Sie beginnen das Gespräch für gewöhnlich mit Fragen wie: „He your husband?“ und ich schüttel dann in der Regel verlegen den Kopf, dann fragte sie, etwas irritiert schon, „No? Your brother?“ und wenn ich dann nochmal den Kopf schüttel, wissen sie nicht mehr weiter. Manchmal kommt dann noch „Cousin?“ oder „Father?“, ich versuche dann zu erklären „No, no, just friend!“. Das verstehen sie nicht so ganz und vielleicht wäre es besser, einfach Ja zu sagen, wenn sie nach meinem „husband“ fragen.
Die meisten Leute hier halten uns für ein Paar und wir müssen dann jedes Mal wieder erklären, dass wir uns am Tag unserer Ankunft in Dubai das erste Mal überhaupt gesehen haben, dass wir nicht in derselben Stadt in Deutschland wohnen und auch nicht verlobt sind ;)

Heute abend sind wir dann noch bei Sandhya gewesen und haben ihren Onkel, ihre Tante und ihre kleine Babycousine besucht. Das kleine Ding war gerade mal einen Monat alt und hatte noch keinen Namen, wie es für so junge Kinder üblich ist. Sie bekommen ihre Namen in der Regel erst, wenn sie etwas älter sind, frühestens nach 11 Tagen. Das ist wohl ein Überbleibsel der hohen Kindersterblichkeit.
Auf jeden Fall hat man sie "Dolly" gerufen und wie alle Neugeborenen war sie bereits fleißig geschminkt, mit schwarzem Kajal um die Augen und Punkten, sowie nachgezogenen Augenbrauen - um das Böse fern zu halten. Da Sandhya für uns kochen wollte, hat sie kurzerhand das kleine Etwas in meine Hände gedrückt. Sie war so unfassbar winzig! In Deutschland läge sie bestimmt noch einige Zeit auf der Frühchenstation im Krankenhaus, hier liegt sie auf einem Haufen Decken auf dem Boden vor dem Fernseher, der immer läuft, genau so wie der Ventilator über ihr. Die Leute hier lieben ihre Kinder, aber sie gehen manchmal ganz schön ruppig mit ihnen um.

Sandhya in der Küche

"Dolly", ein Monat alt

Freya, die ja wesentlich mehr mit so jungen Kindern zu tun hatte, als ich, hat mir ezählt, dass viele Behinderungen dadurch entstehen, dass die Kinder in den ersten Wochen zu stark geschüttelt worden sind, oder sich die Köpfe irgendwo gestoßen haben.
Die Familie war unheimlich gastfreundlich, man hat uns bedient und mit ehrfürchtigem Namaste begrüßt, ich fand es fast schon ein bisschen unangenehm, so nett waren sie. Ich weiß dann nie, was ich sagen soll, außer ständig "Thank you" - was sie noch nicht einmal besonders mögen. Unter Freunden sagt man in Indien weder Danke noch Entschuldigung, das ist so eine Art eherne Regel hier.
Auf jeden Fall habe ich einige Bilder von ihnen gemacht und ihnen versprochen, sie ihnen ausgedruckt mitzubringen. Bilder von sich selbst hat hier nämlich auch keiner und sie freuen sich stets sehr darüber. Also- wenn wir sie das nächste Mal besuchen, werde ich ihnen die Fotos als Geschenk mitbringen :)

Babysitting ;)

Also, mir geht es prima hier, es hat weiterhin sonnige 26-28 Grad hier (obwohl einige sehr viel angenehmere Wolkentage dabei waren), das Essen ist immer noch super und wir kommen viel umher!
Ich wünsch euch alles Gute im kalten Deutschland und schick euch ein paar Grad mehr rüber :)