Da ist er also. Hallo Dezember! Tut mir Leid, dass du immer der Letzte bist. Und trotzdem überrascht es einen jedes Mal, wenn du da bist.
Jetzt nähert sich das Ende des Jahres schon und es will mir gar nicht in den Kopf, dass ich 20 bin, gerade in Indien lebe und es zuhause schneit!
Unfassbar, irgendwie.
Aber erstmal möchte ich mich bedanken für die nette Post, die immer wieder mal bei mir eintrudelt, sei es verspätet zum Geburtstag, einfach so, oder schon zu Weihnachten.
Ich habe auch zwei sehr schöne Adventskalender bekommen, für die ich mich bedanken möchte und meine kahle Wand ist jetzt gepflastert mit schönen Fotos von euch allen :)
Ansonsten nehmen wir die ganze Weihnachtsgeschichte hier irgendwie nicht so wirklich wahr, am ersten Advent haben wir noch Philipps kleinen mirgebrachten Kerzenkranz angezündet und Lebkuchen gegessen, heute schon im meeting haben wir zufällig festgestellt, dass es ja Nikolaustag ist und der zweite Advent ist auch schon vorbei, ups ^^
Zieht irgendwie völlig an einem vorbei, so ganz ohne Kälte, Konsumterror und Schokoladenkuchen...
Stattdessen haben wir uns jetzt beide in einem kleinen Fitnessstudio um die Ecke angemeldet, 2 Minuten zu Fuß von unserem Haus. Das Studio ist relativ klein, aber da wir früh morgens kommen auch schön leer und so haben wir unseren Platz, um in Ruhe zu trainieren. Der Besitzer, stolzer Mr. India (hehe ;)) gibt uns dabei Tips und hat uns gewogen und so. Philipp ist meistens oben bei den Muskelbergen und Gewichten und ich hab unten den Ausdauerraum mit Laufband, Crosstrainern, kleinen Gewichten und (das beste!) Gymnastikbällen für mich :)
Ansonsten haben wir uns Harry Potter and the Deadly Hallows in einem schön großen Kino angesehen, wo wir auch endlich mal die anderen VIA-Deutschen (jedenfalls fast alle) getroffen haben. Die fanden dann auch recht lustig, dass nach 2 Monaten Indien plötzlich zwei neue Deutsche ein paar Kilometer neben ihnen auf dem Radar erscheinen, ohne dass man sich je mal gesehen hat, schon lustig :)
Mann, ich sollte mir aufschreiben, was ich jeden Tag so mache, im Nachhinein ist es total schwer für mich, das alles zu rekonstruieren. Mir fällt alles immer ziemlich durcheinander ein.
Wir waren nämlich lange davor schon im Kino und zwar in “Guzaarish”, ein schöner Bollywoodfilm, den viele unserer indischen Freunde allerdings nicht so toll fanden (vermutlich, weil er ausnahmsweise mal eine tiefere Bedeutung hatte und außerdem wurde kaum gesungen und schon gar nicht getanzt – was ist das denn für ein Film?! ;) )
Indisches Kino ist immer ein Erlebnis!
Letzte Woche war dann auch Welt AIDS Tag, wo es eine Art Umzug hier in Rasoolpura gab, der Philipp beigewohnt hat. Er ist übrigens seine zehn Kilometer unter seinem 45-Minuten-Limit gerannt, und das alles obwohl Nikhilesh, ein indischer Freund, der ein Jahr in Hamburg gelebt hat, uns ein paar Pubs am Abend davor gezeigt hat und uns nach ganz indischer Gastfreundschaft gut abgefüllt hat... :) Der Mojito war zu stark. Der zweite auch :D
Ich wär da am nächsten Tag bestimmt nicht mehr um 5 Uhr morgens aufgestanden und eine Dreiviertelstunde in der Sonne herum gerannt... ;)
Letztes Wochenende hat uns Lindsay dann auch mitgenommen zu Venita Pittis wunderschönem Haus, das historisch und noch erhalten ist. Eines der wenigen alten Gebäude, die es in Hyderabad überhaupt noch gibt. Die meisten Wohnhäuser waren aus Holz, sind verfallen oder wurden einfach abgerissen, um große Betonwohnblöcke aufzuziehen.
Eine faszinierende Mischung aus dem europäischem 19 Jahrhundert und arabisch-indischen Einflüssen: düster, hohe Fenster und schwere Stofftapeten, überladen verzierte Kacheln, gleichzeitig arabisch geschwungene Torbögen, ein Atrium im Inneren, das mit Mosaiken ausgelegt ist, auf denen man Schach spielen kann.
Im Wohnraum, der ans Atrium angeschlossen ist, sind viele alte Bilder von ihren Vorfahren, die Familie ist dem Gott Vishnu sehr zugeneigt, ihnen gehört auch der Vishnu-Tempel, dessen Mauer wir auf der Malaktion mit den Kindern angemalt haben. Gut für mich – das lunch, dass wir bekommen haben, war demenstprechend streng vegetarisch (in Indien heißt das übrigens auch, dass man auch keine Eier/Eiprodukte isst) und gewohnt lecker :)
| Schmuck im Wohnzimmer |
| Von wegen prüde... ähem! |
| Restaurierte Decke |
| Ich würde hier schon einziehen ... :) |
| Venita, unsere Gastgeberin und eine weitere Freundin, Aparajita |
Venita Pitti entwirft und lässt ihre eigene Mode herstellen, feminin, zart und gleichzeitig sehr modern, trotz traditioneller Muster, alles in Handarbeit. Ihre Tochter entwirft eben so sehr sehenswerten Schmuck, den sie aus edlen Materialien und gleichzeitig auch aus Alltagsgegenständen, Sicherheitsnadeln und Reisverschlüssen herstellt – auch hier eine spannende Mischung aus alt und modern.
In dem Haus waren fast mehr Bedienstete als Bewohner und trotzdem hat es sich die Hausherrin nicht nehmen lassen, uns persönlich zu überfüttern ;)
Der lange Bindi ist übrigens vishnu-typisch.
| Uns wurde gezeigt, wie die Weber in langwieriger Arbeit Perlen in den Stoff weben |
| Designerschmuck aus Hyderabad :) |
Und plötzlich war da ein Kamerateam vom indischen Discovery Channel und wir wurden Statisten :D
Es ging wohl irgendwie darum, eine Art Werbefilm für beide Hausproduktionen zu drehen.
Zum Beispiel mussten ich und Kate, eine weitere Deutsche, für den Film dann interessiert mit Venita über ihren Kreationen stehen und uns beraten lassen und später im Austellungsraum mit dem Schmuck haben wir alle zusammen, sämtliche eingeladene Weiße, fröhlich ihre tollen Ideen vor der Kamera gelobt...
Naja, die Leute sind alle sehr nett und wir haben gutes Essen, einen schönes Haus zu sehen und sogar Bangels umsonst bekommen für unsere Statistenrollen (von der wir erst vor Ort erfahren haben), trotzdem weiß ich ja nicht, wie ich das finden soll, das unser Weißsein als Werbezweck genutzt wird. Frei nach dem Motto: wenn sogar die das toll finden, wird es gleich zehnmal mehr en vogue sein.
Eigentlich ist das ein Privileg, das ich ungerne annehme.
Wie auch immer, es gab auf jeden Fall auch eine ganz tolle alte Dame dort, die uns Mädchen allen sehr schöne Hennahände gemacht hat und dann noch einen Bangelhersteller, der das hergestellt hat, was wir als lackierte Holzarmreife verstehen, was aber weder lackiert ist, noch aus Holz hergestellt wird.
War sehr interessant, er hat es vor unseren Augen gemacht und wir konnten Farben, Muster und Form angeben. Und dann wurden sie uns einfach geschenkt!
War schon interessant, der Tag... dann sieht man plötzlich auch mal Inderinnen in Miniröcken und Plateauschuhen. … Äh. Voll komisch. Wie nackt und unangemessen mir das plötzlich vorkam :D
Ich fang ja schon an, mich ohne Schal merkwürdig zu fühlen, wenn ich vor die Haustür gehe.
Hier wird es übrigens merklich frischer. Nachts brauch ich außer meinem Schlafsack-Inlay nun auch noch eine Fließdecke und langärmelige Oberteile sind tagsüber auch angenehmer. Der Wind ist frisch und wenn die Sonne dann nicht scheint, merkt man schon, dass es auch hier “Winter” ist.
| Ein letzter wirklich warmer Tag in Hyderabad |
Am selben Tag hat uns Nikhilesh dann auch zur Geburtstagsfeier des Goethe Zentrums hier in Hyderabad eingeladen, da er die Leute dort wohl ganz gut kennt.
Auf diesem Fest hat auch eine deutsche Jazzband gespielt, ick glob die warn aus Berlin :D
Coole Jungs, leider hatten wir viel zu wenig Zeit, um mit ihnen noch den Abend und das Buffet zu genießen, weil wir am nächsten Tag früh morgens schon wieder raus mussten, um aufs Land zu fahren, wo ein Bhumi workshop stattgefunden hat.
Das Goethe Zentrum macht hier einige interessante Sachen und wir haben Adressen mit Monika, der Zuständigen dort, ausgetauscht. Nicht, dass wir ständig von Deutschen umgeben sien wollen, aber es ist vor allem auch nett, Inder zu treffen, die sich damit beschäftigen und sogar lokale Leute Deutsch sprechen zu hören! Ebenso vor Ort war die Alliance Francaise, wo wir zwei nette französische junge Frauen kennen gelernt haben, die auch ganz in der Nähe von uns wohnen.
Mal wieder ist mir nach all diesen Tagen aufgefallen, wieviel in Indien doch von Verbindungen abhängig ist. Man muss immer jemanden kennnen, der jemanden kennt und so weiter... und als Weiße kriegst du sowas ständig angeboten. Manche Leute wollen krampfhaft mit dir “befreundet” sein und lassen für alles mögliche ihre Verbindungen spielen, ob du willst oder nicht.
Zugegeben, oft ist das auch sehr praktisch, weil wir nette und interessante Leute kennen lernen. Aber manchmal ist mir das auch einfach zu viel... Angeben gehört hier bei vielen Leuten irgendwie auch zum guten Ton.
Über Freitag und Samstag waren wir also mit den Bhumi-Core Mitgliedern in einem netten Landhaus, das mal schön gewesen sein muss, als der Pool noch mit Wasser gefüllt war... ;)
Nein, ich beschwer mich nicht, ich war schon heilfroh einfach mal wieder im Grünen zu sein.
Da war ein Rasen! Echtes Gras. So zum Draufherumwälzen und Anfassen! Und wundervoll duftende Tempelbäume, mit ihren schönen, großen, weißen Blüten! Und Eichhörnchen (oder irgendwie so eine Art Tier) und fremdartige, bunte Vögel und sooo viele Pflanzen, Ficusbäume so groß wie Häuser! Nach meinem Geschmack saßen wir viel zu lange drinnen herum, anstatt die Idylle und Stille draußen zu genießen.
| Tempelbaum, der wunderschöne Blüten hat und ganz toll riecht |
| Argus, Mujeebs Doggenwelpe, der auch dabei war |
| Das Bhumi- Team |
Die Session war trotzdem sehr interessant, es wurde viel besprochen, über Evaluation ehemaliger Aktionen, Konfliktanalyse und Kommunikation, bis zu neuen Plänen. Das alles wurde angeleitet von einem Mann aus Pune, der die sanfteste Stimme der Welt hat, und viel mit Meditationstechniken gearbeitet hat, was ich persönlich sehr spannend finde.
Überhaupt war dieser Mensch sehr interessant.
Yoga würde ich eigentlich auch gerne mal wieder machen... angeblich ist ein Yoga Centre ganz in der Nähe, muss ich mal ausfindig machen :)
Und jetzt sind wir wieder hier.
Momentan finde ich es etwas schwierig, Arbeit zu finden. Nayeem plant ein Frauenforum, zur Stärkung der Position von Frauen in der Community, aber keiner weiß so recht, was genau da passieren soll.
Ich halte die Idee an sich für sehr gut und würde da gerne einsteigen, offensichtlich haben recht viele Frauen aus dem Slum auch selber das Bedürfnis nach so einem Forum geäußert (denn nichts ist schlimmer, als Leuten zu “helfen”, wenn sie das gar nicht wollen). Vielleicht kann ich ja da meine Fähigkeiten irgendwie einbringen, ansonsten fühle ich mich gerade etwas unterfordert – nett gesagt. Das Children's Parliament findet ja nur am Sonntag statt und momentan pausiert es auch, wegen Examszeit und Weihnachstferien.
Bis das Health Project weitergehen kann, müssen wir erstmal ein paar Sponsoren ausfindig machen und Nayeem hat wohl auch jemanden ausfindig gemacht, aber was das letztendlich bedeutet, ist eine ganz andere Sache.
Naja, irgendwas werde ich schon etwas finden.
Und jetzt wartet ein Wäscheberg auf mich und wir lesen uns wieder, wenn es etwas Spektakuläreres zu erzählen gibt ;)
Vielen Dank übrigens auch nochmal an Philipp, für die tollen Fotos und dass ich sie auf meinen Blog stellen darf !
Vielen Dank übrigens auch nochmal an Philipp, für die tollen Fotos und dass ich sie auf meinen Blog stellen darf !
Liebste Grüße aus einem ganz unweihnachtlichen Land,
eure Tanni