22. November 2010

Theater und Tempelwände

- oder: Nazis findet man überall -

So, es ist mal wieder so weit, Zeit für einen neuen Blogeintrag. Tut mir Leid, dass ihr schon wieder warten musstet, aber ich komme gerade nicht einmal dazu, meine Mails zu checken. In letzter Zeit waren so viele Aktionen und es sind so viele Dinge passiert, dass ich kaum zuhause gewesen bin.
Aber fangen wir von vorne an.

Als kleine Bitte vorher: ich habe eine neue Seite auf diesem Blog, die ich euch als LeserInnen ans Herz legen würde. Schaut einfach mal kurz rein!

Am 14.11 war Internationaler Tag der Kinder und im Rahmen dieses Tages sind natürlich überall verschiedene Aktionen gestartet.
Gleichzeitig hat der Verein "moving images" hier in Hyderabad ein 5-tägiges Festival vom 11-16. November gehalten, zu Ehren des vor 150 Jahren geborenen indischen Künstlers Abanindranath Tagore aus Kolkata... ein sehr interessanter Mann übrigens- ist es wert, dass man sich mit ihm beschäftigt. Eines meiner Lieblingszitate von ihm ist: „Die bedeutendste aller Tatsachen des gegenwärtigen Zeitalters ist, dass sich der Osten und der Westen begegnet sind.“

Aus dieser Stadt kam dann auch eine ganz wunderbare ältere Dame, die seine Kunst in größeren Formaten reproduziert und eine der führenden Spezialistinnen in Tagores Kunst ist. Sie, der Verein und diverse NGOs haben dann mit uns als Handlanger für alles Stressige zwei Aktionen gestartet: einmal das Bemalen einer Tempelwand von Kinder, die unter anderem auch HIV infiziert waren (was hier in Indien meist absolute soziale Ausgrenzung bedeutet) und das Bemalen einer Schulmauer durch die Schüler selbst.
Die Künstlerin hat dann Anweisungen gegeben und den Kindern geholfen und wir haben alles übrige gemacht: organisiert, Farben verteilt, Essen besorgt, alle möglichen Utensilien besorgt, in der prallen Sonne stehen und innerlich fluchen ... ;-)

Kunst wird in indischen Schulen leider kaum ernst genommen oder gefördert...

wieviele Picassos oder Goethes dadurch wohl für immer unentdeckt bleiben?

indische Mädchen... "Mam why you have white hair?"

Die Künstlerin aus Kolkata, eine weitere Künstlerin aus Hyderabad und die Organisatorin (v.l)


Die werte Künstlerin, deren Name zu lang war, um ihn sich zu merken, sprach diverse Sprachen, aber vorallem Französisch (und irgendwie war sie auch einfach eine französische grand-mère) und umso glücklicher war sie, als sie herausfand, dass ich Französisch sprechen kann. Eine irgendwie verstörende Erfahrung, Französisch in  Indien zu sprechen. Diese Aktionen waren anstregend, aber auch sehr schön.
Danach waren wir zwar farbverklebt, sonnenverbrannt und hungrig wie Wölfe, aber wir hatten zwei große ganze bunte Wände! Und wir waren auch mal wieder im eigentlichen Hyderabad unterwegs, hatten einen Kaffee morgens früh, während wir die Charminar vom Café aus angucken konnten.
Des Weiteren haben wir auch an anderen Aktionen des Festivals teilgenommen, u.A. an einer Ausstellung in einer Kunstgallerie, die darin geende hat, dass wir von uns unbekannten, aber offensichtlich sehr reichen Indern zum Essen eingeladen wurden. Hinter der Gallerie lag das Wohnhaus der Frau, die die Besitzerin ist und in ihrem sorgfältig gepflegten Garten war ein köstliches Buffet aufgebaut :-)

Schon merkwürdig, ein ganz anderes Indien, was einem in den Villen und Landschaftsgärten begegnet. Wir haben allein zwei Inder getroffen, die schonmal in Deutschland waren, einer konnte es sogar recht gut sprechen, der andere kam vor zwei Tagen aus Frankfurt wieder, alle sprachen perfektes Englisch und dann haben wir uns plötzlich über osteuropäische Wirtschaftspolitik unterhalten und ich dachte mir, ich bin im falschen Film, mit meinem Weinglas in der Hand... aber viele dieser Inder waren sehr sozial engagiert und keinesfalls nur abgehoben. Diesen Abend habe ich auch das erste Mal etwas über social entrepreneurship gelernt, war doch sehr interessant. Aber das beste war: es gab "german potatoe salad"!! ;-)
Und dann muss ich natürlich noch meinen zweiten Blogtitel erklären: Einen Tag später waren wir bei einem Theaterstück, das Tagore geschrieben hat und das der Regisseur mit der wahren Geschichte eines polnischen Arztes im zweiten Weltkrieg kombiniert hat. Eine spannende Kombination, die uns in Englisch und Hindi gemischt und mit drei deutschen Sätzen präsentiert wurde. Die Grammatik war weitestgehend korrekt und die Aussprache war auch nicht schlecht, wir waren beeindruckt :-)
Auch sehr spannend war, wie die völlig unterschiedlichen Stücke - die, eines todkranken indischen Jungens, der in seinem Zimmer liegt und träumt und die des jüdischen Arztes, der um das Leben seiner Waisenkinder bangt und mit ihnen im KZ endet - kombiniert worden sind.

Dann war da natürlich noch Chandus Hauszeremonie, um die neuen Wohnungen, die seine Eltern auf das eigentliche Flachdachhaus aufgebaut haben, einzuweihen.
Die Zeremonie war sehr schön, da der Hindupriester uns viel erklären konnte, weil sein Englisch sehr gut war. Ich glaube er hat sich gefreut, dass wir als Fremde so viel Interesse an seiner Kultur und Religion zeigen, er war ein sehr netter Mann!

Zeremonie vorm Haustor - mitten in der Nacht!
Hausfront, festlich geschmückt für die Zeremonie

Leider hat das ganze um 4 Uhr nachts schon angefangen, so dass ich gegen 3 aufstehen musste und nach dem anfänglichen Kürbiszerschlagen vor dem Haustor so gegen 6 Uhr auf irgendwems Bett eingeschlafen bin. Dann gab es natürlich später mit all den Gästen noch eine große Puja, bei der wir alle Kokosnüsse zerschlagen haben, Bindis bekommen haben und natürlich die roten Wunschbändchen ums Handgelenk.

Chandus Eltern während der Puja am neuen Hausschrein


Schöne Sauerei, diese Kokosnüsse!


Müde, aber glücklich (und sehr heilig ;-)): Lindsay und ich

Danach haben wir alle unsere Geschenke an die Familie überreicht (wobei man nochmal einen Bindi bekommt... ständig wird man mit Kumkum betupft ;-)) und am Ende des Tages haben Lindsay und ich sogar selber welche bekommen! Wunderschönes, besticktes Dressmaterial in rostbraun und schwarz, dass ich noch zum Schneider bringen muss. Und dann gab's natürlich auch noch Essen über Essen- Reis, Pappad, gebratenes Gemüse, alle Arten von Curry und Chutney, mit Honig gesüßte Milchteigbällchen, Vanillepudding, butter scotch Eis, Früchte, diverse merkwürdige indische Süßigkeiten, Chai-Tee und alles - ich liebe Indien - "selbstverständlich" rein vegetarisch. Ich habe VIEL ZU VIEL gegessen, mal wieder :-)

Chandus Familie ist für unser Verständnis sehr altmodisch, aber sie alle sind unheimlich gastfreundliche, liebenswerte Menschen. Sie sind das, was man Indiens Mittleklasse nennt, gleichzeitig sind ihre Wohnverhältnisse für den Standart der deutschen Durchschnitts-Mittelklasse gar nicht zu erwägen. Indische Mittelklasse heißt, nicht arm zu sein ohne reich zu sein, nicht viel mehr.
Auch das gesellschaftliche Denken ist hier ganz anders... Ich möchte nicht darüber urteilen, da dieses Denken hier ganz üblich ist und alles seine Gründe hat. Aber verständlich, dass ihre Kinder, die ähnlich wie wir sind, ganz anders denken und in die Welt hinaus wollen, oft im starken Konflikt mit ihren Eltern stehen. Viele von ihnen lassen sich am Ende doch von ihren Eltern verheiraten... ich sollte besser aufhören, bevor ich mich noch mehr darüber aufrege, wie man sich sein Leben nur so verbauen lassen kann ;-)

Chandu, sein Vater Ramarao, seine Mutter Lakshmi und sein kleiner Bruder Vinod - festlich gekleidet natürlich

Da seine Mutter nur Söhne hat und nach der großen Party das ganze Haus natürlich aussah wie Sau, bin ich den nächsten Tag noch bei ihnen geblieben, um der guten Frau beim Putzen zu helfen... die Männer haben sich da dezent rausgehalten oder nur die groben, schweren Sachen geräumt.
War schon interessant, mal eine indische Tochter zu sein und ganz authentisch zu leben. Aber auch komisch und auf eine unheimliche Art und Weise befremdlich. Die Frauen hier haben es schon nicht einfach, hab ich mir so gedacht... das Leben für sie ist so viel anstrengender, als ich es je in meinem Leben erlebt habe. Es ist nicht so, als ob sie nichts zu sagen hätten, diese Frauen wissen schon ganz genau was sie wollen, nur meist haben sie auch gar nicht die nötige Bildung und auch kein Einkommen, als dass sie über mehr als Haus und Hof entscheiden könnten - sie sind abhängig.
Ob ich wohl auf Dauer in einer indischen Familie leben könnte? (Wie wäre es wohl, wenn ich in eine Gatsfamilie gekommen wäre?)
Diese Lebensweise macht einen sehr dankbar und zufrieden, es ist simpel, aber erfüllend, schön. Nur immer in dieser untergeordneten Rolle zu leben und dass Leute deine Arbeit für selbstverständlich halten, das stell ich mir in langer Sicht als durchaus nervig vor. Außerdem machen sich die Leute hier - meiner Meinung nach - unnötig unglücklich mit ihrem restriktiven Kastendenken und ihrem Tabudenken, wodurch ihnen der Schritt zu Bildung und Aufklärung und damit auch die Möglichkeit sich selber aus Konflikten zu lösen, verwehrt bleibt. Wenn man diese urige Lebensweise mit einem aufgeschlosseneren Denken kombinieren würde, dann könnte ich auch in einer indischen Familie leben ;-)

Eine schöne Erfahrung war es aber auf jeden Fall! Chandus Mutter hat sich jedenfalls so über meinen Einsatz gefreut, dass sie mich mit einem indischen Kuss verabschiedet hat - das sieht man Leute recht oft mit kleinen Kindern machen: sie greifen dir an die Wange, so wie die klassische Oma das tun würde und dann küssen sie ihre eigene Hand, bzw. die Finger, die dich eben berührt haben.
Die Nachbaren haben sich glaub ich ziemlich gewundert... "weiße Putzfrauen, so was gibt es?!" :D

Dann waren wir am Sonntag danach noch auf Golconda-Fort, einer alten muslimischen Festung, aus der heraus Hyderabad entstanden ist. Dort gab es eine einmalige Tanzaktion, der man kostenlos beiwohnen konnte und die vom amerikanischen Konsulat, und damit auch von einer Freundin Lindsays, gesponsort wurde.
Es war so eine Art Ballet an und auf Mauern, zu guter, rythmischer Musik, das ganze war sehr kraftvoll und in der Nachmitagssonne sehr schön anzusehen!



 Aber vorher sind wir noch gemütlich durch die Anlage spaziert, haben uns die wunderschönen Kalifen- und Königinnengräber angeschaut und dann vor einem der Monumente gemütlich gebruncht :-)
Lindsay hat "eggy bread" (so eine Art Eisandwhich mit Mayonnaise, eigentlich kommt noch Kresse drauf, aber die findet hier keiner) gemacht, dazu gab's Samosa, Kaju barfi (Cashew fudge... eine süße klebrige Masse aus Cashew-Nüssen mit essbarer Silberfolie drauf), Äpfel und Salat (naja, indischer Salat = geschnittenes Gemüse, haupstächlich Zwiebeln :-)).
Schön war auch, dass Lindsays Fahrer Jaffar und seine Frau Roxana mitgekommen sind. Die beiden sind unheimlich schüchtern, aber sehr süß!

Picknick!


Unsere bunt gewürfelte Gruppe beim Mittagessen

Die Grabmäler sind wunderschön... ganz anders, als alles, was ich so kenne, runde Bögen, verzierte, geschwungene Rahmen, Zwiebeltürme, auf denen schon kleine Bäume wachsen... ein ruhiger, friedlicher Ort.



Dieses Erbe hat Hyderabad seinen muslimischen Ahnen zu verdanken
 Nach der sehr beeindruckenden Tanzaufführung haben wir noch Harish mit einem weiteren Freund getroffen und sind ein bisschen unterhalb der eigentlichen Festung in den Gewölben un Anlagen herumgewandelt. Das war ein sehr schöner Sonntagsausflug!

Lindsay, Philipp, Harish, Chandu und ich

Überreste majestätischer Schönheit

Ich bin eine Öllampe! ... Quatschbilder halt :-)
Auf unserem Rückweg haben wir übrigens ein Kamel getroffen. Es hatte eine Menge Kinder auf dem Buckel, hier der Beweis den Philipp heldenhaft aus dem fahrenden Auto heraus noch erwischt hat:

tadaa!
 So und jetzt ruft die Arbeit. Ich hatte noch keine Zeit genauer zu beschreiben, was wir hier überhaupt so arbeiten, als kurzer Überblick - letzte Woche waren wir auf Sponsorensuche und hatten ein Treffen mit der Ärztin einer NGO hier in Hyderabad. Ansonsten ist der Kalender, der aus den Bildern der Malaktion entstanden ist, in der Mache und das Children's Parliament Konzept wird überarbeitet, sodass es nun zwei Gruppen geben wird. Außerdem ist nächsten Sonntag ein Marathonlauf um den See herum, eine Aktion zum Sauberhalten des Wassers - NGOs können auch laufen, eventuell läuft also Bhumi, Philipp zumindest ist absolut entschlossen, mitzulaufen :-)

Viele liebe Grüße aus dem Sonnenland,
eure Tanni

7. November 2010

Mumbai, Diwali und Geburtstage

Liebe Freunde, Familie und Leser – tut mir echt Leid, dass ich erst so spät schreibe!
Neben einem Wäscheberg, diversen Krankheitsschüben und Stromausfällen, sowie indischen Festen hat mich auch die Tatsache aufgehalten, dass ich mich durch an die 2000 gemachten Fotos wälzen musste, um die besten zu finden und zu bearbeiten. Ich hatte zwischendurch auch noch Geburtstag – am 3.11. -, und dann ist Kontakt halten ja irgendwie auch zeitaufwendig ;)

Danke erstmal für die vielen Geburtstagswünsche- und karten, mit denen ich nun meine kahlen pastellblauen Betonwände verzieren kann :)
Ich dachte, ein Geburtstag so ganz ohne all meine Freunde und ohne Familie wäre eine traurige Angelegenheit, aber es kam dann doch ganz anders und ich hatte einen schönen, spannenden und irgendwie auch ganz anderen 20sten Geburtstag mit meiner neuen indischen “Familie” :)

Aber ich fange besser von vorne an: Vom 21.Oktober bis zum 27. waren wir in Mumbai, in dem indischen Nachbarstaat Maharashtra – wir, das sind Philipp, Chandu, Paresh und ich.
Chandu und Paresh, deren Firma “Coherendz” ihr Büro in unserem Haus unten hat, waren geschäftlich dort – sozusagen. Es gab eine Veranstaltung in Pareshs ehemaligem College – NITIE (National Institute for Technichal Engineering) – bei dem alle möglichen berühmten Personen aus dem Bereich Business und Entrepreneurship kamen, um ihre Geschichten zu erzählen, mit jungen Unternehmern zu diskutieren, und auch einige Sponsoren, die sich die Ideen der jungen Leute angehört haben, natürlich mit dem Gedanken, ein neues Projekt zu finden – deshalb waren auch die beiden da.
Die Vorlesungen, meist in Englisch, waren auch sehr interessant für Philipp und mich, natürlich haben wir auch Mumbai-Sightseeing betrieben, ein paar deutsche Freunde getroffen und gefeiert :)
War mal ganz interessant, eine neue Seite von Indien zu sehen, das wir ja bis jetzt nur von Hyderabad kannten.
Mumbai – oder Bombay – ist ganz anders. Eine der dicht besiedelsten Städte der Welt, mit dem größten Slum Asiens, das mitten im Stadtkern liegt, eine Stadt, in der Armut, Elend und unfassbare Dekadenz sowie Reichtum direkt aufeinander treffen. Eine Stadt, die das teuerste Gebäude der Welt (1 Billionen US Dollar) beherbergt, mit den teuersten Autos prahlt und dessen reicher Stadtteil die Bettler von den Straßen aufsammeln und wieder zurück ins Armenviertel schleppen lässt.

indisch? britisch? beides? Und warum sind da Bayrische Löwen ;) ;)

Und dann auch noch Engel

Abends am Strand

Das Slum vom Walk-over fotografiert

Gleichzeitig ist es auch eine Stadt, die unheimlich viel Geschichte birgt, merkwürdig alt-europäische Denkmäler und Gebäude zeigt, Brunnen, die aussehen wie aus dem alten Italien und direkt daneben Zwiebeltürme aus Marmor, die mit britischem Backstein kombiniert werden.
Widersprüchlich, anstregend und faszinierend auf seine Art und Weise.

Diese Bilder sind auf dem Hausdach des Colleges entstanden, wo wir morgens um 5 angekommen sind und die Sonne aufgehen beobachten konnten: 






Wir haben natürlich erstmal die klassischen Touristenziele abgeklappert: Das berühmte Gateway of India, wo mehrere Leute uns mal wieder um Fotos mit ihnen gebeten haben (einer hat uns sogar “heimlich” gefilmt, da wundert man sich doch, wo es dort so viele Touristen gibt!), sowie die zum UNESCO Welterbe gehörende “Elephanta Island”, eine wild bewachsene Insel, die einen der ältesten in Felsstein gehauenen Hindu-Tempel (meinem Liebling Shiva geweiht) zeigt.



Die ganze Truppe vor dem Gateway of India: (v.l.) Paresh, Philipp, Marian, ich, Lara und Chandu


Das berühmte Taj Mahal Hotel von der Fähre aus fotografiert

Mit einer Deutschen zu reden war doch auch mal wieder nett :)

Die kleinen frechen Biester waren überal auf der Insel!
Nicht zu vergessen: Ziegen!

Im Tempelgewölbe

Lord Shiva

Paresh, Marian und ich

Dann waren wir natürlich noch im berühmten “Prince of Wales Museum” (das im Zuge der indischen Rückbesinnung auf eigene Kultur in den Zungenbrecher „Chhatrapati Shivaji Maharaj Museum“ umbenannt wurde). Dort wird die bedeutendste indisch-sarrazenische, arabische und persische Kunst gezeigt, von einer Rüstungs- und Waffensammlung, bis zu einer großen Sammlung sämtlichen Götteridole, Diwane, Schmuck, Alltagsobjekte von vor Jahrhunderten in den prächtigsten Ausführungen, altindische Malerei und vieles mehr. Sehr sehenswert!

Das Museum von außen - ein wunderschönes Gebäude aus der Kolonialzeit

Auch immer mit dabei: Siddharta :)

Wir durften alle Maharaja spielen ;)

Dann sind wir noch gemütlich in der Nachmittagssonne zur berühmten Haji-Ali Moschee gelaufen, die am Ende einer Seezunge im Arabischen Meer liegt. Meerluft! Wie schön, ein richtiges Urlaubsfeeling. Der Strand war zwar aus Steinen und nicht der sauberste, aber wenn man ein bisschen weiter raus gelaufen ist, hatte man wenigstens etwas Ruhe und Meerluft, sodass man die Betonwüste hinter sich etwas vergessen konnte (auch wenn Leute von überall angerannt kamen, nur um uns “heimlich” zu fotografieren, bei allem, was wir so getan haben... nervig!). Wir haben dann einfach zurückfotografiert! ;)

Auf dem Weg zur Moschee

*Das* klassische Touri-Foto ;)

Meine Beute aus dem Arabischen Meer

Rückweg

Das war ein schöner Ausflug...

Danach hatten wir einen köstlichen Fruchtsaft, der uns im Reiseführer empfohlen wurde und haben uns wieder auf dem Rückweg gemacht. Ist doch anstregend, den ganzen Tag draußen, in dieser Sonne und vorallem in dem unfassbaren Smog (Halsschmerzen sind vorprogrammiert, wenn man einen Tag draußen rumläuft).

Der indische Sleeper Train ist übrigens auch eine Erfahrung für sich! Ist wie ein Hühnerkäfig, offene vergitterte Fenster, die auch als Mülleimer dienen, ebenso das Loch im Zugboden, dass man höflich “wash room” nennt, “super fast train” ist vergleichbar mit dem heimischen RE und deshlab hat es auch 14 Stunden nach Mumbai gebraucht. Alle fünf Minuten kommt ein schreiender Verkäufer mit Bauchladen an einem vorbei gelaufen, gerne auch mal nachts, wo dann manche Leute auch einfach versuchen, sich noch neben einem auf die Liege zu quetschen ;)

Meine Lieblingsbeschäftigung im Zug - wenn es nicht zu sehr ruckelt ;)

Aus den Gittern heraus fotografiert

Indisches "Bord Bistro" ;)

Und so "schläft" man dann abends - gestapelt ohne Ende!

Am Ende unseres Ausflugs sind Philipp sowie ich leider böse krank geworden, also war die Rückreise in diesem rollenden Käfig leider nicht mehr so witzig, wie die Hinreise, auf der wir auch schön die indische Natur im Vorbeirollen beobachten konnten.
Wenn ich in mein Notizbuch sehe, finde ich darüber folgende Aufzeichnungen :

“Wolkenberge auf hellblauem Himmel über roten Erdhängen und gelben Flüssen. Dieses Land leuchtet im Licht wie die Kleider der indischen Frauen!”

Die Farben hier sind wirklich ganz andere. Rot, Grün, Blau und schwarze Menschen dazwischen, die Vögel weiß und seidig, als wären sie aus Nebel, dass Wasser undurchsichtig, sandig.
Die Pflanzen, so merkwürdig anders, ruhige, schnaufende Büffel dazwischen, mit langen, gewaltig gebogenen Hörnen, schwarz, langhaarig, mit flachen Köpfen, gar nicht zu vergleichen mit unseren Kühen. Dazu sieht man auch allerlei Straßenhunde, die über die Gleise rennen und den Müll holen, Schweine, in ganzen Familien, einige magere Katzen, Hühner und Ziegen und alles findet seinen Platz irgendwie. Leute laufen achtlos auf den Gleisen rum, spucken in die Gegend, schleppen drei Koffer und fünf Kinder gleichzeitig und das in einem bodenlangen Seidengwand – Indien, du bist manchmal ganz schön lächerlich, denke ich mir. Aber irgendwie genau deswegen auch so liebenswert.

Als wir wiedergekommen sind, hatten wir ein interessantes meeting mit einigen Leuten unserer Organisation, die ein sehr gutes und umfangreiches Projekt zur grundlegenden Gesundheitsversorgung der Einwohner Rasoolpuras planen. Zur Zeit arbeiten wir deshalb an einer Studie, die auf einer Umfrage basiert, wobei wir von Haus zu Haus ziehen, Daten und Kontaktnummern sammeln, herausfinden, was die Leute eigentlich gebrauchen, was ihre Ausgaben sind, etc. Auf diesen Daten basierend, wollen wir dann ein Programm entwerfen, wobei wir mit Krankenhäusern und freiwillig arbeitenden Ärzten zusammenarbeiten, um dauerhaft Medikamente, Aufklärung, grundlegende Versorgung und Versorgung für Menschen mit speziellen Bedürfnissen anbzubieten können. Ich denke, dieses Projekt ist sehr ambitioniert aber auch sehr notwendig.
Ich werde beizeiten ausführlicher darüber schreiben!
Des Weiteren ist ein Sportprojekt geplant, um der sehr jungen Bevölkerung des Slums etwas Abwechslung in ihrem anstrengenden Alltag anzubieten, aber auch, damit sie lernen, wie man fair interagiert, was ein Wettbewerb bedeutet und natürlich, um Spaß zu haben :)
Der nächste Schritt soll dann sein, regelmäßig Spiele zwischen den High Schools und neu etablierten Sportgruppen zu veranstalten. Auch das ist gerade in Planung und Philipp und ich sind daran beteiligt.
Außerdem wurden wir mehr oder wenger beauftragt, dass neue T-Shirt Design für Bhumi zu entwerfen. Gar nicht so einfach, kreativ zu sein auf Abruf! Das schwierigste ist, einen neuen Slogan zu entwickeln. Aber auch daran sitzen wir also gerade.
Nebenbei passieren natürlich auch noch viele andere Dinge, dass Children's Parliament läuft natürlich immer noch, und am 14. November, dem Tag der Kinder, ist ein Fest geplant, da das CP ein Jahr alt wird. Dazu kommt ein Medical Camp, wo kostenlos generelle medizinische Check-ups für alle Slumbewohner angeboten werden, zudem ist ein Bhumi Malwettbewerb in einer shopping mall geplant, um Leute auf Bhumis Arbeit aufmerksam zu machen.
Dazu hat uns Lindsay gebeten, auf einer weiteren Charity Veranstaltung teilzunehmen, die auch wegen des Tages des Kinder gehalten wird, wo ein indischer Künstler zusammen mit Kindern eine Tempelwand bemalt und wir sollen zur Betreuung eingesetzt werden.
Ihr seht, Arbeit gibt es irgenwie immer!

Dann hatte ich natürlich auch noch Geburtstag am 3.11 – 20 werden in Indien ist schon eine coole Sache :D
Ich wurde am Umbruch des 2. plötzlich mit einer massiven Schokoladentorte überrascht, es gab 20 Raketen auf dem Hausdach für mich und allerlei nette Geschenke – unter anderem Schmuck, einen Thermosbecher von meinem indischen Lieblingscaffee mit meiner Lieblingsschokolade gefüllt, sowie ein Puja-Set und einen sehr hübschen Shiva, für den ich mir jetzt noch einen kleinen Schrein kaufen muss, damit ich morgens ganz offiziell meine Götter herbeiklingeln kann ;)
Am selben Tag wurde ich im bereits genannten Caffee von einer weiteren Schokoladentorte überrascht, sowie von Geburtstagsgrüßen des ganzen Personals. Davor waren wir den ganzen Tag im Zoo Hyderabads, der sehr schön und sehr groß ist, danach waren wir noch im berühmten und – asbolut wunderschönen! - Birla Mandir Tempel, der aus weißem Mamor geschlagen ist und einfach nur Ruhe ausstrahlt, und danach haben wir natürlich noch gut gegessen :)

Überaschung :)

Lindsay und ich schlender durch den Zoo

Dieser Schönheit durften wir beim Planschen zugucken

Und den dreien beim Sonnen ;)

Danach waren wir noch im Reptilienhaus

Dann habe ich natürlich auch noch fleißig geskypt und geschrieben und Briefe gelesen, die sogar pünktlich angekommen sind. Vielen Dank nochmal für all die lieben Grüße, ohne sie wäre mein Tag nur halb so schön gewesen.

Kaum zwei Tage später war dann auch schon Diwali, das große Fest der Lichter hier in ganz Indien. Ist fast wie zwei Tage Silvester! Wir haben eine Puja abends in unserem Haus gehalten, nach dem wir mit Blut und Tränen einen Tag lang unser ganzes, verdrecktes riesiges Steinhaus geputzt haben!! Als dann alles schön sauber war, Türmatten angeschafft wurden und Schuhe sowie diverse Tiere drinnen verboten wurden, haben wir dann einen Richtung Osten guckenden Lakshmi-Schrein etabliert und jetzt wird alle drei Festtage fleißig um den Segen der schönen, Geld werfenden Göttin gebeten ;)
Chandus und Pareshs Eltern sowie einige weitere Verwandten haben uns dabei begleitet und mit uns zusammen die Puja, Essen und das Feuerwerk genossen. Unsere eigene kleine Diwali-Party :)

Pareshs Mutter bereitet den Lakshmi-Schrein vor (sie malt mit buntem Sand)

So sieht er also vollendet aus - unser neuer Hausschrein, gen Osten blickend. Der Göttin werden Süßigkeiten (die Box links) angeboten, sowie Räucherstäbchen und Blumen, Reispuffer, ein Scheck (Göttin des Glücks, auch finanziell), links der Teller mit dem Pulver für den Bindi (das dritte Auge, der Punkt auf der Stirn), geziert von den Dias (Lichtern aus Tonschälchen, Öl und Baumwollfäden), die auch Türrahmen, Treppenaufgang und Tor zieren - die Haustür muss offen bleiben, damit die Göttin auch reinkommen kann ;)

Chandus Mutter und ich haben die Lichter verteilt

Und jetzt, da wir alles schön sauber halten, ist unser Haus sogar richtig nett! (Obwohl man sich an indische Putzweisen wirklich noch gewöhnen muss – Kerblech sind die Hände und der Besen ist aus Reisig...)

So, das ist jetzt mal viel Erlebtes kurz gefasst, das nächste Mal versuche ich wieder, früher zu schreiben. 
Ich denke auch, die Bilder sprechen für sich :)
Ach ja: Viele Bilder, die ich hier zeige (meist die, auf denen ich drauf bin, logischerweise!), habe nicht ich gemacht. Entweder sind sie von Philipp, oder von jemand anderem, der seine Kamera benutzt hat, manche sind von mir mit meiner oder auch seiner Kamera, es ist also ganz kunterbunt gemischt und ich schreibe nicht jedes Mal dazu, welche Bilder jetzt von wem sind, das wäre zu umständlich!

Und jetzt grüße ich alle ganz lieb aus dem schon irgendwie kühler werdenden Hyderabad,
alles Liebe
euere Tanni