18. April 2011

Goodbye Blog!


Nun sind es schon 8 Monate! 
Ich habe zwar noch einige Zeit vor mir, aber dennoch beschlossen, diesen Blog zu beenden. Ich habe über facebook besser und einfacher die Möglichkeit, euch auf dem Laufenden zu Halten und gleichzeitig mehr Privatsphäre (so paradox das gerade auch klingen mag ;) ). Außerdem denke ich, habe ich genug geschrieben über Indien und mein Leben hier.

Wie beendet man also einen Blog? Was sage ich abschließend über meine bisher verbrachte Zeit hier?

Indien hat mich definitiv verändert.
All die Tage hier haben mich vieles realisieren lassen: wie flexibel der Mensch ist, wie schwerwiegend man von der eigenen Kultur jederzeit und unterbewusst beeinflusst wird, wie es ist, die falsche Hautfarbe zu haben, wie es ist, privilegiert zu werden, wegen der Herkunft, aber auch, wie es ist, aufgrund von Alter und Geschlecht systematisch diskriminiert zu werden, wie es ist, wenn deine persönlich gezogenen Grenzen verletzt werden, wie es ist, hilflos zu sein, wie es sich anfühlt, Armut jeden Tag zu begegnen, was globale Verantwortung bedeutet, was für einen gewaltigen Schaden Religion anrichten kann und es auch ziemlich oft tut, was Gastfreundschaft bedeutet und wie Lebensfreude vor niemanden, egal unter welchen Umständen, Halt macht, wie Hoffnung aussieht und wie Korruption funktioniert, wie es sich anfühlt, unverstanden zu sein, wie unfassbar gut ich es in Deutschland doch habe, was es heißt, über dein eigenen Schatten zu springen, wieder und wieder, was für eine unbeschreibliche Vielfalt Indien in jeder Hinsicht beherbergt, wie schwer es alternativ denkende InderInnen in ihrem eigenen Land haben, was Kolonialisierung für einen Schaden angerichtet hat und weiterhin anrichtet, was ein historisches Gedächtnis der Gesellschaft bedeutet, wie Deutschland hier gesehen wird, was es heißt, eine Kindheit in Indien zu haben, was ich für meine Verantwortung achte und was nicht und noch vieles mehr...
Und vielleicht, irgendwie, habe ich auch Indien ein kleines bisschen verändert.

Indien ist für viele schockierend, spannend, witzig, irgendwie mysteriös. Ein Land, in dem man sich über himmelschreiend korrupte Polizisten ärgert und gleichzeitig über die unfassbare Großzügigkeit seiner Gastgeber freut.
Wir dürfen nicht vergessen, dass wir alles, was wir sehen, durch unsere eigenen Augen sehen und das alles, was wir tun, durch unsere kulturelle und soziale Prägung tun. Es gibt nichts, was wir nicht vor diesem Hintergrund beurteilen, selbst wenn wir versuchen, es nicht zu tun. Ich habe selber erfahren müssen, wie unmöglich es ist, Sachen jederzeit nur neutral zu sehen.

Ich werde es nie akzeptieren können, wenn Leute von ihrem Roller steigen, um einen halben Meter neben dem Gehweg an die Wand zu pinkeln. Dieser Widerwille ist einfach zutiefst in meinem Verständnis von Anstand verankert und sollte meiner Meinung menschliches Grundverständnis sein. Warum? Weil ich aus einem kleinen reichen Land komme, das seine Leute im Großen und Ganzen mit fast allen Grundbedürfnissen absichern kann.
Nicht so in Indien. Anders geprägt - andere Bewertung.
Sicherlich kann man das nicht verallgemeinern. Viele InderInnen verurteilen dieses Verhalten ja selber, aber es ist trotzdem bezeichnend.
Genau so wie das - meinem Empfinden nach - unhöfliche, direkte Anstarren, das trotz – meiner Meinung - klarer Signale fortgesetzt wird. Werde ich nie akzeptieren können, auch wenn ich weiß, es ist nicht böse gemeint. Trotzdem macht es mich wütend – warum? Weil ich es nicht gewöhnt bin. Weil ich aus einem Land komme, das Diskretion und Anonymität schätzt und wo ich eine ganz normal aussehende Bürgerin bin. - Nicht so hier.

All diese Dinge, kann man aber den Leuten hier wirklich nicht vorwerfen und aus diesem Wissen und dem eigenen Fühlen ergibt sich natürlich öfters ein Spannungsverhältnis. Letztendlich ist es ja meine eigene Unfähigkeit, bestimmte Dinge nicht akzeptieren zu können, die diese Spannung auslöst. Man muss lernen, nicht zu streng mit sich zu sein: Es ist okay, wenn man nicht immer mit allem klar kommt. Alles andere würde an Selbstaufgabe grenzen und ist nicht der Sinn kultureller Erfahrungen oder Anpassung. Auch das habe ich hier gelernt. Und es ist ja nicht so, als ob ich es mir nicht ausgesucht hätte, hierher zu kommen. 

Man lernt vieles, gewöhnt sich an vieles, aber an einiges eben nicht.
Und genau so geht das aber auch im Positiven: Wie werde ich die StraßenverkäuferInnen vermissen, die dir für 80 cent eine frische Ananas aufbereiten, die praktischen Rickshaws, die immer da sind, die unverbindlichen Freundlichkeiten, die einem einfach auf der Straße begegnen, die Hilfsbereitschaft und die schöne Natur, die Kokosnüsse, Momos, Mangos, Naans und Samosas, die wunderschönen bunten Stoffe, Schals, Armreife und die vielen großartigen Bauwerke.
Indien hat eine faszinierende Geschichte und etliche Zeugen dessen. Eine spannende alternative Film- und Kunstkultur und nun ja, auch die einmalige Bollywoodindustrie ;-)

Noch nie in meinem Leben, ist es mir so schlecht gelungen, jemanden zu begreifen, wie bei meinem Rendezvous mit Indien – und das ist ein Kompliment. Dieses Land lässt sich nicht reduzieren, vereinfachen oder zusammenfassen. Es ist von der einen Seite zur anderen einfach nicht dasselbe und von Haustür zu Haustür triffst du unterschiedliche Traditionen.

Ich hatte harte Zeiten und krasse Erlebnisse, aber auch unheimlich viele schöne, ich will diese Zeit hier nicht missen und habe am Ende vor allem davon profitiert.
Ich habe vieles besser verstanden, ich werde anders leben in Deutschland, als zuvor und ich werde anders reden über abstrakte Begriffe wie „Schwellenland“, oder „Armut“, die den meisten von uns in der Realität unbekannt sind. Ich bin mitnichten plötzlich eine Art „Profi“, wenn es um solche Themen oder Indien an sich geht. Aber ich habe bestimmt eine andere Sicht darauf gewonnen, als jemand, der noch nie in Indien gewesen ist.

Wie kann ich noch betonen, was Indien mir bedeutet? Was dieses Jahr hier verändert hat?
Ich glaube, ich kann die meisten meiner Erfahrungen nicht mit euch teilen, wie auch? Sie müssen gemacht werden, um verstanden zu sein.

Ich kann bloß anhalten dazu, genauer hinzusehen, sich nicht hinreißen zu lassen, die Sachen einfacher zu machen als sie sind, zu sehen, wie wertvoll der Austausch der Kulturen ist, nachzuvollziehen, was wir in Europa für eine Verantwortung haben für das Leben anderer Menschen und den Spaß daran zu erkennen, auf einem anderen Kontinent die eigene Welt ganz neu zu entdecken.
Es lebe die Neugier! Jeder, der diese Chance hat, sollte sie meiner Meinung nach auch nutzen – immerhin sind wir ja nicht alleine auf der Welt und die eigene Erfahrung ist besser, als alles, was man lesen oder sich erzählen lassen kann.

Ich möchte es, mal wieder, in den Worten meines liebsten Dichters sagen:

„Wir lernen die Menschen nicht kennen, wenn sie zu uns kommen.
Wir müssen zu ihnen gehen, um zu erfahren, wie es mit ihnen steht.“ - Goethe

Und jetzt möchte ich mich bedanken, bei allen, die so fleißig mitgelesen und kommentiert haben. Eure Unterstützung hat mir zu jeder Zeit sehr viel gegeben und mir geholfen, auch in schweren Zeiten fröhlich zu bleiben.

Von nun an müsst ihr auf Rundmails hoffen und mich auf facebook suchen gehen ;-)

Ein letztes Mal noch alles Liebe aus Hyderabad,
eure Tanja

24. März 2011

20 Tage Südindien

Hey ihr Lieben,

es wird Zeit mal wieder ein bisschen was zu bloggen, wo sicherlich nicht alle meine Reise auf facebook verfolgen konnten. Es hat ja nicht jeder seine Seele ans Internet verkauft... aber ich muss sagen, so über die Kontinente erweist sich diese Plattform als wesentlich praktischer als alle anderen ;-)
Genau dort findet ihr auch ein Fotoalbum von meiner Reise, also werde ich auch nicht allzu viele hier zeigen.

Gestern habe ich meinen Mitreisenden zum Flughafen gebracht, es war echt toll, mal wieder jemanden von zuhause bei sich zu haben, hat die Trennung aber nicht gerade leichter gemacht. Ich muss wirklich mal ein Lob aussprechen - er hat sich gut an Indien gewöhnt, trotz Sonnenbrand und impertinentem Angestarrtwerden und hat geduldig jede zu kleine Klapper-Rickshaw, jeden zu kleinen Zug, alle zu kleinen Hotelzimmer und natürlich die vielen hinaufschauenden, sichtlich aufgeregten Inder hingenommen. Es war nicht immer einfach, nach dem eine Millionen hunderttausendstem Mal noch freundlich zu bleiben, wenn einem ein "where are you from?" oder ein "photo please" entgegengebracht wird. Aber naürlich sollte man das nicht persönlich nehmen. Wir hatten auch viele schöne, überraschende und sehr nette Begegnugen mit einer überall recht freundlichen, neugierigen und offenen Bevölkerung.

Gewöhnungsbedürftig sind allerdings überall die hygienischen Zustände, immer dieses auf den Boden spucken, überall öffentlich an die Straßenecken, Bushaltestellen oder Wände pinkeln, dass man als Weiße nahezu grundsätzlich überteuerte Preise bekommt und immer hart feilschen muss und generell öfters mal für ahnungslos und ein einfaches Opfer gehalten wird. Wenn man dann allerdings schonmal etwas traditioneller gekleidet ist und in Hindi antwortet und klar macht, dass man kein Indien-Neuling mehr ist, ändert sich das meist ganz schnell.
Wir haben auch die Bekanntschaft von vielen anderen Leuten aus aller Welt gemacht, von denen wir viele spannende Sachen erfahren haben. Es war wirklich interessant, die ganzen Nationen so vor sich zu haben, ihre Interessen, Gesprächsthemen, Selbstauffassung.
Besonders oft haben wir Briten und Deutsche gesehen, dann einige Franzosen, Spanier und sogar ein nettes Schweden-Pärchen :-)
In Goa haben wir noch ziemlich viele Russen und Amerikaner getroffen. Allerdings hatte die Gegend auch nicht mehr viel von Indien, muss man leider dazu sagen.

Übrigens haben wir rund 14 Karten nach Deutschland geschickt, in großen groben Umschlägen, damit sie es überleben ;-) Bin mal gespannt, wann ich von wem was höre bezüglich angekommener Post!

Insgesamt hat uns unser Urlaub sehr gut gefallen, Indien ist ein unheimlich faszinierendes Land und wir kommen gerne wieder, auch wenn es sicherlich noch viel zu viele schöne Orte auf der Welt gibt, die wir noch bereisen wollen.
Besonders gut hat uns Ooty gefallen -die ehemalige hillstation in den Nilgirihills auf 3000m Höhe - weil es so sauber und schön grün war. Es ist aber nunmal eine sehr reiche Stadt und die gute Infratstruktur stammt noch aus Kolonialzeiten. Dafür ist sie aber auch für indische Verhältnisse eine recht teure Stadt und wie wir fanden, erstaunlich untouristisch (wir haben eigentlich nur indische Touristen und kaum ausländische getroffen- wir waren aber auch nicht in der Saison da).


Goa hat mit den Temperaturen und dem Arabischen Meer wirklich einen traumhaften Strand, ist aber völig überflutet von Touristen oder ansässig gewordenen ehemaligen Touristen. Ist schon ein bisschen anstrengend, wenn die Straßenschilder plötzlich auf Russisch geschrieben sind... wenn mann allerdings tief im Süden oder hoch im Norden irgendwo eine versteckte Bucht und einen ruhigen Strand für sich findet, ist Goa kaum zu toppen! Dazu gibt es in Goa viel Kultur zu sehen, uralte Kirchen und Tempel- wir hatten ein tolles Programm zusammen mit meinem Onkel, wo wir auch eine spice farm besucht haben. Wir waren also da, wo der Pfeffer wächst ;-)



Mysore konnten wir uns nicht sonderlich lang ansehen, nicht destotrotz fanden wir es sehr schön, auch diese Stadt fand ich für eine indische Großstadt ziemlich grün und sauber und recht gut strukturiert. Natürlich gibt es auch hier viel Standart-Tourismusgeschäft, aber so ist das eben in bekannten Städten. Der Palast des Maharajas ist umwerfend kunstfertig und kombiniert viele Stile zu einem einzigartigen Meisterwerk, das man stundenlang betrachten und analysieren könnte. Überall sind Geschichten, Anekdoten, Anspielungen und große Bilder als Zeitzeugen versteckt. Dieser Stil ist mir so fremd gewesen und ich habe ja nun wirklich schon viele Schlösser und Paläste in Europa gesehen - deshalb ist er auch so faszinierend.



Unsere Reise von Ooty nach Kochi haben wir über mehrere kleiner Städte mit dem Toytrain zurückgelegt, einer kleinen Lok, die aussieht wie eine Spielzeugeisenbahn, fast genau so langsam ist und zum Unesco-Welterbe erklärt wurde. Ist nett, wenn man Fotos machen will.
In Kochi haben wir uns das berühmte Kathakali-Theater erklären lassen und angesehen. Wieder etwas so fremdes! Es erinnerte mich ein bisschen an das traditionelle japanische Theater, aber ich bin auch wirklich keiner Kennerin. Es hat irgendwie etwas sehr rituelles, intimes an sich, diese ganze Prozedur vom Schminken der Maske bis zur Aufführung zu beobachten und hat uns sehr Spaß gemacht.



In Kochi waren wir auch viel am Hafen, einkaufen, mit den Fähren zu den Halbinseln unterwegs, im portugiesischen Palast und sind dann weiter nach Alleppey, unserem letzten Reiseziel.
Hier haben wir in unserer eigenen Steinhütte in einem Palmenwäldchen entspannt, in Hängematten geschlafen, sind auf den backwaters unterwegs gewesen, mit dem Fahrrad zum Strand gefahren und haben uns vom vielen Reisen erholt.

Ich könnte jetzt noch viel schreiben, aber ich habe nur noch wenig Zeit vor meiner nächsten großen Reise in den Norden. Dort bin ich dann etwas länger als 2 Wochen mit Bruder und Schwester auf einer recht klassischen Route unterwegs: Delhi, Amritsar, Jaipur, Jaislamer, Agra, Varanasi.

Danach bin ich wieder mal etwas in Hyderabad, obwohl ich sagen muss, dass es mir auch einfach zu heiß wird... das ging unglaublich schnell! Noch vor meiner Abreise war alles wie immer und kaum 3 Wochen später hält man es ohne dauerhaft voll aufgedrehten Ventialtor und 2 Mal duschen am Tag nicht mehr aus.
Also versuche ich, möglichst wenig hier unten zu sein und werde nicht viel später gegen Mai wieder hoch, diesmal den Nordosten Indiens erkunden. Darjeeling auf jeden Fall, dann vielleicht etwas wandern oder klettern und noch ein paar andere Städte, je nachdem was mein Reisebegleiter aus Delhi noch so vor hat :-)
Und wenn ich schon da oben bin, würde ich gerne noch einem Ashram in Rishikesh einen Besuch abstatten und dort vielleicht 2,3 Wochen unterkommen. 3 Stunden Yoga am Tag, schön in den Bergen spazieren gehen und entspannen... ich glaube, das ist dann genau das Richtige nach dem ganzen Herumgereise ;-)

 Und jetzt verabschiede ich mich schon wieder, es warten nämlich noch Berge von Handwäsche auf mich.

Liebste Grüße aus Indien,
eure Tanni