Nun sind es schon 8 Monate!
Ich habe zwar noch einige Zeit vor mir, aber dennoch beschlossen, diesen Blog zu beenden. Ich habe über facebook besser und einfacher die Möglichkeit, euch auf dem Laufenden zu Halten und gleichzeitig mehr Privatsphäre (so paradox das gerade auch klingen mag ;) ). Außerdem denke ich, habe ich genug geschrieben über Indien und mein Leben hier.
Wie beendet man also einen Blog? Was sage ich abschließend über meine bisher verbrachte Zeit hier?
Indien hat mich definitiv verändert.
All die Tage hier haben mich vieles realisieren lassen: wie flexibel der Mensch ist, wie schwerwiegend man von der eigenen Kultur jederzeit und unterbewusst beeinflusst wird, wie es ist, die falsche Hautfarbe zu haben, wie es ist, privilegiert zu werden, wegen der Herkunft, aber auch, wie es ist, aufgrund von Alter und Geschlecht systematisch diskriminiert zu werden, wie es ist, wenn deine persönlich gezogenen Grenzen verletzt werden, wie es ist, hilflos zu sein, wie es sich anfühlt, Armut jeden Tag zu begegnen, was globale Verantwortung bedeutet, was für einen gewaltigen Schaden Religion anrichten kann und es auch ziemlich oft tut, was Gastfreundschaft bedeutet und wie Lebensfreude vor niemanden, egal unter welchen Umständen, Halt macht, wie Hoffnung aussieht und wie Korruption funktioniert, wie es sich anfühlt, unverstanden zu sein, wie unfassbar gut ich es in Deutschland doch habe, was es heißt, über dein eigenen Schatten zu springen, wieder und wieder, was für eine unbeschreibliche Vielfalt Indien in jeder Hinsicht beherbergt, wie schwer es alternativ denkende InderInnen in ihrem eigenen Land haben, was Kolonialisierung für einen Schaden angerichtet hat und weiterhin anrichtet, was ein historisches Gedächtnis der Gesellschaft bedeutet, wie Deutschland hier gesehen wird, was es heißt, eine Kindheit in Indien zu haben, was ich für meine Verantwortung achte und was nicht und noch vieles mehr...
Und vielleicht, irgendwie, habe ich auch Indien ein kleines bisschen verändert.
Indien ist für viele schockierend, spannend, witzig, irgendwie mysteriös. Ein Land, in dem man sich über himmelschreiend korrupte Polizisten ärgert und gleichzeitig über die unfassbare Großzügigkeit seiner Gastgeber freut.
Wir dürfen nicht vergessen, dass wir alles, was wir sehen, durch unsere eigenen Augen sehen und das alles, was wir tun, durch unsere kulturelle und soziale Prägung tun. Es gibt nichts, was wir nicht vor diesem Hintergrund beurteilen, selbst wenn wir versuchen, es nicht zu tun. Ich habe selber erfahren müssen, wie unmöglich es ist, Sachen jederzeit nur neutral zu sehen.
Ich werde es nie akzeptieren können, wenn Leute von ihrem Roller steigen, um einen halben Meter neben dem Gehweg an die Wand zu pinkeln. Dieser Widerwille ist einfach zutiefst in meinem Verständnis von Anstand verankert und sollte meiner Meinung menschliches Grundverständnis sein. Warum? Weil ich aus einem kleinen reichen Land komme, das seine Leute im Großen und Ganzen mit fast allen Grundbedürfnissen absichern kann.
Nicht so in Indien. Anders geprägt - andere Bewertung.
Sicherlich kann man das nicht verallgemeinern. Viele InderInnen verurteilen dieses Verhalten ja selber, aber es ist trotzdem bezeichnend.
Genau so wie das - meinem Empfinden nach - unhöfliche, direkte Anstarren, das trotz – meiner Meinung - klarer Signale fortgesetzt wird. Werde ich nie akzeptieren können, auch wenn ich weiß, es ist nicht böse gemeint. Trotzdem macht es mich wütend – warum? Weil ich es nicht gewöhnt bin. Weil ich aus einem Land komme, das Diskretion und Anonymität schätzt und wo ich eine ganz normal aussehende Bürgerin bin. - Nicht so hier.
All diese Dinge, kann man aber den Leuten hier wirklich nicht vorwerfen und aus diesem Wissen und dem eigenen Fühlen ergibt sich natürlich öfters ein Spannungsverhältnis. Letztendlich ist es ja meine eigene Unfähigkeit, bestimmte Dinge nicht akzeptieren zu können, die diese Spannung auslöst. Man muss lernen, nicht zu streng mit sich zu sein: Es ist okay, wenn man nicht immer mit allem klar kommt. Alles andere würde an Selbstaufgabe grenzen und ist nicht der Sinn kultureller Erfahrungen oder Anpassung. Auch das habe ich hier gelernt. Und es ist ja nicht so, als ob ich es mir nicht ausgesucht hätte, hierher zu kommen.
Man lernt vieles, gewöhnt sich an vieles, aber an einiges eben nicht.
Und genau so geht das aber auch im Positiven: Wie werde ich die StraßenverkäuferInnen vermissen, die dir für 80 cent eine frische Ananas aufbereiten, die praktischen Rickshaws, die immer da sind, die unverbindlichen Freundlichkeiten, die einem einfach auf der Straße begegnen, die Hilfsbereitschaft und die schöne Natur, die Kokosnüsse, Momos, Mangos, Naans und Samosas, die wunderschönen bunten Stoffe, Schals, Armreife und die vielen großartigen Bauwerke.
Indien hat eine faszinierende Geschichte und etliche Zeugen dessen. Eine spannende alternative Film- und Kunstkultur und nun ja, auch die einmalige Bollywoodindustrie ;-)
Noch nie in meinem Leben, ist es mir so schlecht gelungen, jemanden zu begreifen, wie bei meinem Rendezvous mit Indien – und das ist ein Kompliment. Dieses Land lässt sich nicht reduzieren, vereinfachen oder zusammenfassen. Es ist von der einen Seite zur anderen einfach nicht dasselbe und von Haustür zu Haustür triffst du unterschiedliche Traditionen.
Ich hatte harte Zeiten und krasse Erlebnisse, aber auch unheimlich viele schöne, ich will diese Zeit hier nicht missen und habe am Ende vor allem davon profitiert.
Ich habe vieles besser verstanden, ich werde anders leben in Deutschland, als zuvor und ich werde anders reden über abstrakte Begriffe wie „Schwellenland“, oder „Armut“, die den meisten von uns in der Realität unbekannt sind. Ich bin mitnichten plötzlich eine Art „Profi“, wenn es um solche Themen oder Indien an sich geht. Aber ich habe bestimmt eine andere Sicht darauf gewonnen, als jemand, der noch nie in Indien gewesen ist.
Wie kann ich noch betonen, was Indien mir bedeutet? Was dieses Jahr hier verändert hat?
Ich glaube, ich kann die meisten meiner Erfahrungen nicht mit euch teilen, wie auch? Sie müssen gemacht werden, um verstanden zu sein.
Ich kann bloß anhalten dazu, genauer hinzusehen, sich nicht hinreißen zu lassen, die Sachen einfacher zu machen als sie sind, zu sehen, wie wertvoll der Austausch der Kulturen ist, nachzuvollziehen, was wir in Europa für eine Verantwortung haben für das Leben anderer Menschen und den Spaß daran zu erkennen, auf einem anderen Kontinent die eigene Welt ganz neu zu entdecken.
Es lebe die Neugier! Jeder, der diese Chance hat, sollte sie meiner Meinung nach auch nutzen – immerhin sind wir ja nicht alleine auf der Welt und die eigene Erfahrung ist besser, als alles, was man lesen oder sich erzählen lassen kann.
Ich möchte es, mal wieder, in den Worten meines liebsten Dichters sagen:
„Wir lernen die Menschen nicht kennen, wenn sie zu uns kommen.
Wir müssen zu ihnen gehen, um zu erfahren, wie es mit ihnen steht.“ - Goethe
Und jetzt möchte ich mich bedanken, bei allen, die so fleißig mitgelesen und kommentiert haben. Eure Unterstützung hat mir zu jeder Zeit sehr viel gegeben und mir geholfen, auch in schweren Zeiten fröhlich zu bleiben.
Von nun an müsst ihr auf Rundmails hoffen und mich auf facebook suchen gehen ;-)
Ein letztes Mal noch alles Liebe aus Hyderabad,
eure Tanja